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Test des Monats September 2010
77 Punkte (und abgewertet) für die Berliner Stadtreinigungsbetriebe

27.09.2010

Die Berliner Stadtreinigungsbetriebe (BSR) erlebten im August einen Relaunch ihres Internetangebots. "Nutzerorientiert, informativ, innovativ - mit ihrem modernen Erscheinungsbild und einer neuartigen Google Map Integration setzt die neue BSR Website Maßstäbe." Das Ziel war, "maximale Usability für die Nutzer und Kunden" zu bieten. BIK untersucht im Test des Monats September, ob man dabei auch an Menschen mit Behinderungen gedacht hat.

Startseite der Berliner Stadtreinigungsbetriebe

Startseite der Berliner Stadtreinigungsbetriebe (www.bsr.de)

Die BSR Recycling-Anwendung

Die BSR sind laut Presseveröffentlichung das größte kommunale Stadtreinigungsunternehmen in Europa. Die Website wendet sich an die breite Öffentlichkeit. "Die häufigste Frage, die Berliner Bürger auf die Seiten der BSR führt, lautet: Wo befindet sich der nächste Recyclinghof und werde ich dort auch tatsächlich los, was ich entsorgen will?" Hierfür gibt es eine Webanwendung, die die Eingabe von zu entsorgenden Stoffen erlaubt, diese in einer Recyclingliste zusammenstellt, und automatisch auf einer Google Map die geeigneten Recyclinghöfe Berlins anzeigt. Das funktioniert nicht wie in einer traditionellen Webanwendung in mehreren Schritten, sondern auf einer Seite – die Aktualisierung der Recyclingliste und der geeigneten Standorte erfolgt dynamisch durch AJAX. Texteingabefelder machen bei Eingabe dynamisch Vorschläge (über AJAX-Autocompleter).

Mangelnde Tastaturbedienbarkeit und fehlende Alternativen

Für sehende Mausnutzer ist eine recht elegante und sinnfällige Anwendung entstanden. Der BITV-Test zeigt allerdings schnell, dass die Anforderungen von blinden und sehbehinderten Nutzern und solchen mit motorischen Einschränkungen beim Design gänzlich unberücksichtigt geblieben sind. Das zeigt sich schon daran, dass nicht WAI-ARIA verwendet wurde, um Screenreader-Nutzern mittels Live Regions Vervollständigungsvorschläge anzubieten und über dynamische Änderungen auf der Seite, etwa erfolgreiche Hinzufügungen auf der Recycling-Liste, zu unterrichten.

Auch der Versuch, die Anwendung mit der Tastatur zu bedienen – die Grundlage der Nutzbarkeit sowohl für blinde als auch motorisch eingeschränkte Nutzer – scheitert schnell. Während sich die Vervollständigungs-Vorschläge im Ausklappmenü noch mittels der Pfeiltasten ansteuern und mit Enter auswählen lassen, fällt die dann erzeugte Lightbox vollständig aus der Fokusreihenfolge heraus – sie ist mittels AJAX am Seitenende hinzugefügt, und der Fokus wird nicht mittels Script auf ihren Inhalt verschoben. Wer versucht, durch Weitertabben die Lightbox zu erreichen, landet im Firefox-Browser bei der Recyclingliste in einer Tastaturfalle. Im Internet Explorer muss der Fokus erst den gesamten abgedunkelten Seitenhintergrund durchlaufen, bevor er am Ende mit kaum sichtbarer Hervorhebung in der Lightbox auftaucht.

Hier wie auch in anderen Lightboxen sind die Schließen-Links rechts oben als kontrastarme Hintergrundgrafik umgesetzt und nicht tastaturbedienbar. Wer die Lightbox wieder loswerden will, muss wohl oder übel das ausgewählte Gut der Recyclingliste hinzufügen oder über den Link "Weitere Informationen" eine neue, ebenso schlecht nutzbare Lightbox öffnen. Die Escape-Taste schließt zwar die Lightboxen, aber das ist nirgendwo dokumentiert. Nach dem Schließen der Lightbox springt der Fokus wieder zum Seitenanfang. Es ist zwar möglich, einmal gemachte Einträge auf der Recyclingliste per Tastatur zu entfernen, aber die Fokushervorhebung ist so schlecht und (im Firefox) noch dazu uneindeutig, dass dies eher Glücksache ist.

Das eigentliche Ziel der Anwendung, Nutzern mit Recyclingbedarf geeignete Recyclinghöfe in ihrer Nähe anzuzeigen, ist ohnehin nur für sehende Nutzer erreichbar: nicht geeignete Höfe werden auf der Google Map ausgegraut dargestellt, geeignete in Orange. Eine alternative Darstellung gibt es nicht.

Natürlich ist die Darstellung auf der Google Map nützlich, nur sind diese rein visuellen Informationen für Blinde und sehbehinderte Nutzer völlig unzugänglich. Eine geeignete Alternative zur Google Map wäre eine Umkreissuche auf derselben Datenbasis mit anschließender kartenunabhängiger Listendarstellung der geeigneten Recyclinghöfe – alles problemlos barrierefrei umsetzbar.

Im BITV-Test führt die mangelnde Tastaturbedienbarkeit der Recycling-Anwendung (Seite 2), die als zentraler Bestandteil bewertet werden muss, zur Abwertung des Angebots auf "schlecht zugänglich".

Sonstige Ergebnisse

Auch ohne die Abwertung ist das Ergebnis mit 77 Punkten als „schlecht zugänglich“ einzustufen. Neben den schwerwiegendsten Problemen, die wie beschrieben mit der Tastaturbedienbarkeit zusammen hängen, gibt es eine Vielzahl von Prüfschritten, die nicht oder nur teilweise erfüllt sind:

  • Die Seiten validieren nicht
  • Eine Bereichsauszeichnung durch Überschriften fehlt
  • Links öffnen unangekündigt neue Fenster
  • es gibt keinerlei Sprachauszeichnung
  • grafische Bedienelemente und Ausklappmenüs verschwinden bei Nutzung eigener Farben völlig oder sind wegen transparentem Hintergrund kaum nutzbar
  • wichtige Funktionen wie die Suche funktionieren nicht ohne JavaScript
  • Text- und Grafikkontraste sind in vielen Fällen unzureichend
  • Die geprüften PDFs sind unzugänglich (ungetaggt) bzw. schlecht zugänglich

Eine vollständige Auflistung der Prüfschritte findet sich im Prüfbericht.

Fazit

Die Entwicklung einfacher und intuitiv nutzbarer Webanwendungen ist begrüßenswert. Nicht akzeptabel allerdings ist, wenn hierbei ohne Not durch fehlende Tastaturnutzbarkeit und Screenreadertauglichkeit Menschen mit Behinderungen ausgeschlossen werden. Kartenbasierte Anwendungen sind für blinde und sehbehinderte Menschen ohnehin kaum oder gar nicht zu brauchen. Im vorliegenden Fall hätte problemlos auf gleicher Datenbasis eine zugängliche und gleichwertige Suchfunktion für Recyclinghöfe als Alternative zur Google Map-basierten Anwendung geschaffen werden können.

Die BSR unterliegen als Anstalt des öffentlichen Rechts der Berliner VVBIT (Verwaltungsvorschrift zur barrierefreien Informationstechnik). Deshalb hätte man bei einem wichtigen Relaunch eines Webangebotes mit breitem öffentlichen Interesse die Beachtung der Anforderungen an die Barrierefreiheit ihres Webangebotes erwarten können. Anscheinend waren diese Anforderungen aber nicht einmal bekannt und blieben wahrscheinlich schon in der Ausschreibung unberücksichtigt.

Weitere Informationen

Der kürzlich erschienene BIK-Artikel "Barrierefreie Lightboxen?" beschäftigt sich ausführlicher mit dem Thema Tastaturbedienbarkeit von skriptgenerierten Elementen und anderen Anforderungen an deren Zugänglichkeit.


Internetadresse: www.bsr.de

Geprüft am: 07. 09. 2010
Testergebnis: 77 von 100 Punkten (schlecht zugänglich)

Testbericht mit allen Einzelbewertungen