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Beschreibung des Prüfverfahrens

Das hier dargestellte Verfahren beschreibt die umfassende und zuverlässige Prüfung der Barrierefreiheit von informationsorientierten Webangeboten und Webanwendungen. Ergänzt wird das Verfahren durch das Verzeichnis der Prüfschritte und die Werkezugliste.

1. BITV-Test und WCAG-Test

BIK bietet zwei Testmöglichkeiten: den BITV-Test und den WCAG-Test. Mit dem BITV-Test werden die Barrierefreiheitsanforderungen der Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV) 2.0, im WCAG-Test die Anforderungen der Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) 2.1 auf Konformitätsstufe AA überprüft. Mit der Aktualisierung der BITV im Mai 2019 wurde eine völlige Angleichung der technischen Anforderungen der BITV an die WCAG 2.1 vollzogen.

Ein Unterschied zwischen BITV und WCAG besteht jedoch: Die BITV verlangt in § 4 Erläuterungen in Deutscher Gebärdensprache und Leichter Sprache bereitzustellen. Darin geht sie über die Anforderungen der Richtlinie EU 2016/2102 über den barrierefreien Zugang zu den Websites und mobilen Anwendungen öffentlicher Stellen hinaus.

Die Prüfung von Erläuterungen in Deutscher Gebärdensprache und Leichter Sprache gemäß § 4 BITV ist derzeit nicht Teil des BITV-Tests. Bitte klären Sie, ob für Ihre Organisation eine Verpflichtung zur Bereitstellung von Erläuterungen in Deutscher Gebärdensprache und Leichter Sprache besteht. Auf der Website des Projekts BIK für Alle finden Sie den Leitfaden Leichte Sprache und Gebärdensprache und eine Liste von Adressen von entsprechenden Anbietern. Testverfahren zur Überprüfung der Qualität von Erläuterungen in Deutscher Gebärdensprache und Leichter Sprache gemäß § 4 BITV sind uns derzeit nicht bekannt.

1.1 Ein gemeinsames Prüfverfahren für BITV-Test und WCAG-Test

Für beide Tests wird ein gemeinsames Prüfverfahren genutzt. Bis zum 15.3.2019 bestanden Unterschiede in der Auswertung der Prüfergebnisse. Der Auswertung nach BITV lag bis dahin ein Punkteschema zugrunde, einzelne Prüfkriterien wurden nach ihrer Relevanz gewichtet. Als Endergebnis wurde ein Punktwert ermittelt, der den Grad der Zugänglichkeit für den gesamten Webauftritt beschrieb.

Die Prüfschritte im neuen BITV-Test behalten die Bewertung nach dem fünfstufgen Bewertungsschema (erfüllt / eher erfüllt /  teilweise erfüllt / eher nicht erfüllt / nicht erfüllt) bei. Für das Testergebnis werden aber nun alle Prüfschritte, die mit "erfüllt" oder "eher erfüllt" bewertet wurden, als Erfüllung der jeweils übergeordneten BITV-Anforderung gewertet, während alle Bewertungen, die schlechter sind (also "teilweise erfüllt" bis "nicht erfüllt") als Nicht-Erfüllung dieser Anforderung gewertet werden. Anforderungen wie 1.3.1 Informationen und Beziehungen, die mehrere Prüfschritte enthalten, sind demnach nur dann erfüllt, wenn alle untergeordneten Prüfschritte mit "erfüllt" oder "eher erfüllt" bewertet wurden.

1.2 Der Hintergrund für die Umstellung des Bewertungsschemas

Die BITV 2.0 verweist direkt auf eine Übersetzung der harmonisierten europäischen Norm EN 301 549 (PDF), deren Klausel 9 die Erfolgskriterien der WCAG 2.1 einschließlich deren Konformitätsbedingungen (9.5 WCAG conformance requirements) reproduziert. Deshalb übernimmt der BITV-Test nun den Konformitätsansatz der WCAG. Die Punktebewertung, die in der Vergangenheit die Ergebnisse verschiedener geprüfter Seiten zu einem Punkte-Gesamtergebnis für das Angebot mittelte, ist unter diesen Umständen nicht mehr länger haltbar.

Dass weiterhin in den Prüfschritten abgestuft bewertet wird, hat aber für Entwickler und Redakteure, die die Testergebnisse nutzen, den Vorteil, dass sie aus den abgestufen Bewertungen besser Prioritäten für Verbesserungen des Angebots ableiten können als aus einem Erfüllt/Nicht-erfüllt-Ergebnis.

1.3 Geltungsbereich der Prüfung

Die Konformität einer Seite kann nur erreicht werden, wenn alle WCAG-Erfolgskriterien (bzw. BITV-Anforderungen) erfüllt sind. Entsprechend werden in der Auswertung die einzelnen Anforderungen als erfüllt/nicht erfüllt aufgelistet. Grundsätzlich gilt WCAG-Konformität nur für einzelne Webseiten. Aus praktischen Gründen ist bei den meisten Angeboten aber keine vollständige Prüfung aller Seiten realistisch. Im abschließenden Test besteht deshalb der Anspruch, in der Seitenauswahl alle wichtigen Seitentypen und Webinhalte und gegebenenfalls auch dynamische Ansichten und Prozesse abzubilden. Das zugrundeliegende Testverfahren ermöglicht damit eine Einschätzung der Barrierefreiheit des gesamten Angebots. Das Prüfzeichen "BIK-konform (geprüfte Seiten)" weist jedoch darauf hin, dass der Konformitätsanspruch sich nur auf die tatsächlich geprüften Seiten erstrecken kann.

1.4 Warum ist ein gemeinsames Testverfahren möglich?

Die Anforderungen für barrierefreie Webinhalte sind in den WCAG 2.1 als Erfolgskriterien formuliert. Diese Erfolgskriterien sind drei Konformitätsstufen zugeordnet (A, AA und AAA). Die BITV 2.0 verweist in § 3 'Anzuwendende Standards' auf die EN 301 549 V2.1.2 (2018-08) Barrierefreiheitsanforderungen für IKT-Produkte und -Dienste, die bezüglich des Webs (clause 9) die WCAG-Anforderungen der Konformitätsstufen A und AA enthält.

Ein bisheriger inhaltlicher Unterschied, die Anforderung 2.4.8 Standort, die in den WCAG auf Konformitätsstufe AAA steht (2.4.8 Location), wurde mit der Änderung der BITV 2.0 vom Mai 2019 gestrichen.

Das hier beschriebene Prüfverfahren ist angelehnt an den Leitfaden zur Prüfung von Webauftritten des W3C, die Website Accessibility Conformance Evaluation Methodology (WCAG-EM) 1.0.

2. Technische Voraussetzungen

Die technischen Anforderungen zur Durchführung der Tests sind in der Werkzeugliste definiert.

Um einheitliche technische Prüfvoraussetzungen sicherzustellen, sind das einzusetzende Betriebssystem und die Versionsnummern der zu nutzenden Browser und Prüfprogramme festgelegt. Wo vorhanden werden für Tests deutschsprachiger Angebote deutschsprachige Programmversionen eingesetzt.

Es ist zweckmäßig, neue Versionen von Browsern und Prüfprogrammen zu erproben und unterschiedliches Verhalten von Programmversionen zu ermitteln. Dies darf jedoch die Einheitlichkeit der technischen Prüfvoraussetzungen nicht in Frage stellen. Mindestens einer der beiden Prüfer eines Tandems muss den Vorgaben daher ohne Einschränkung folgen.

Während das Verhalten und die Darstellung von Websites mitunter von den genutzten Browserversionen abhängen kann, sind viele Einzelprüfungen innerhalb der Prüfschritte auf unterschiedlichem Wege möglich. So kann etwa die Auszeichnung einer Seite mit Überschriften mittels verschiedener Werkzeuge, z.B. Bookmarklets, überprüft werden. Die Hinweise auf konkrete Werkzeuge in den Prüfschritten schließen nicht aus, dass die Seiten auch auf anderem Weg, mit anderen Werkzeugen geprüft werden können. Was zählt, ist ein valides, reproduzierbares Ergebnis.

3. Rahmenbedingungen der Prüfung

Die meisten Anforderungen der WCAG bzw. der BITV können nicht automatisch sichergestellt oder überprüft werden. Basis der Prüfung sind Einschätzungen von Experten. Dieser Abschnitt beschreibt die Rahmenbedingungen der Prüfung und die erforderliche Qualifikation der Prüfer.

3.1. Auswahl von Prüfern

Bei einem abschließenden Test (Tandemprüfung) müssen erster und zweiter Prüfer in der Regel unterschiedlichen Prüfstellen angehören.

Bei der Auswahl von Prüfern für einen abschließenden Test ist zu berücksichtigen, ob das zu prüfende Angebot zuvor in einem entwicklungsbegleitenden Test geprüft wurde. Ist das der Fall, darf der erste Prüfer des abschließenden Tests nicht identisch mit dem Prüfer des vorgängigen entwicklungsbegleitenden Tests sein.

3.2. Qualifikation der Prüfer

Die Qualifikation der Prüfer ist eine wichtige Bedingung für die richtige Anwendung des BITV- bzw. WCAG-Tests. Prüfer sind mit den Grundlagen der HTML-Programmierung und mit geltenden Konzepten des barrierefreien Webdesigns vertraut. Sie kennen das Verfahren des BITV- bzw. WCAG-Tests und können die Prüfschritte des Tests sicher anwenden. Der BITV-Prüfverbund hält ein festgelegtes Verfahren zur Qualifizierung von Prüfern vor. Nur bei erfolgreichem Abschluss der Qualifizierung werden Prüfer in den Prüfverbund aufgenommen.

3.3. Abstimmung von Bewertungen

Damit Testergebnisse vergleichbar und wiederholbar sind, müssen die Prüfer ihre Bewertungsspielräume in gleicher Weise nutzen. Die organisatorische Grundlage dafür ist die Tandemprüfung zum Abgleich von Bewertungen. Gleiche Prüfgegenstände werden zwei Prüfern zur Bewertung vorgelegt, Unterschiede der Bewertung werden ermittelt und ausgewertet.

3.4. Vergleich von Bewertungen

Die Ergebnisse und Bewertungen vorangegangener Tests zeigen das Verständnis und die praktische Anwendung der Prüfschritte des BITV- bzw. WCAG-Tests. Die Prüfer orientieren sich an diesen Bewertungen. Sie haben hierfür Zugriff auf die im Rahmen von BITV- bzw. WCAG-Tests vorgenommenen Bewertungen vorangegangener, abgeschlossener Prüfungen.

3.5. Qualitätssicherung

Für jeden entwicklungsbegleitenden und abschließenden Test wird eine Qualitätssicherung (QS) durchgeführt. Die QS prüft stichprobenartig, ob die Bewertungen im Sinne der Prüfschrittbeschreibungen korrekt sind und der bisherigen Bewertungspraxis entsprechen. Prüfer sind angehalten, offene (und gegebenenfalls in Tandemtests strittige) Fragen der Bewertung von Webinhalten an die dem Test zugeordnete QS zu übermitteln, um sicherzustellen, dass diese berücksichtigt und geklärt werden. Die QS gibt Rückmeldungen an beide Prüfer, die Prüfergegbnisse werden gegebenenfalls auf Basis dieser Rückmeldungen korrigiert.

3.6. Statistische Auswertung

Sämtliche Tests werden statistisch erfasst. Die Auswertung zeigt u.a. die Abweichungen der Prüfergebnisse des einzelnen Prüfers von den qualitätsgesicherten Endergebnissen. Sichtbar wird, bei wie vielen und bei welchen Prüfschritten Abweichungen vorlagen und ob diese geringfügig oder erheblich waren. Für die statistische Auswertung wird weiterhin das Punktergebnis der abgestuften Bewertungen genutzt, das im veröffentlichten Ergebnis nicht mehr auftaucht.

Die Statistik hat vor allem den Zweck, Prüfer beim Erkennen und Korrigieren von Fehlern in der Anwendung des Tests zu unterstützen. Sie zeigt individuellen Qualifizierungsbedarf. Es geht aber nicht nur um individuelle Fehler: Abweichungen in der Bewertung zeigen oft auch einen allgemeinen Diskussionsbedarf im Prüferteam, etwa bei der Bewertung von neuen oder schwierig zu prüfenden Techniken.

Die Summe der Abweichungen über eine Reihe von Prüfungen hinweg bietet sich außerdem als quantitativer Anhaltspunkt für den Grad der Qualifikation der prüfenden Person an. Der Wert nützt etwa bei der Einschätzung, ob Prüfer erfahren genug sind, selbstständig entwicklungsbegleitende Tests durchzuführen oder die Qualitätssicherung von Tests vorzunehmen.

4. Definition des Prüfgegenstands

Dieser Abschnitt beschreibt die Festlegung des Prüfgegenstandes. Sie erfolgt in Abstimmung mit dem Auftraggeber. Geklärt wird, welche Seiten und Bereiche grundsätzlich dem zu prüfenden Webangebot zugerechnet werden, also für welche Webseiten das Ergebnis des BITV- bzw. WCAG-Tests gilt. Es muss nachvollziehbar sein, worauf sich ein Prüfsiegel bezieht.

Hinweis: Die Definition des Prüfgegenstandes ist etwas anderes als die Seitenauswahl. Die repräsentative Seitenauswahl (siehe Abschnitt 6) wird für den definierten Prüfgegenstand vorgenommen. Der Auftraggeber kann nur bei der Festlegung des Prüfgegenstandes, nicht aber bei der Auswahl der zu prüfenden Seiten mitreden.

4.1. Was gehört zum Prüfgegenstand?

Im Idealfall ist der Prüfgegenstand mit der Angabe der Adresse des zu prüfenden Webauftritts hinreichend klar festgelegt und abgegrenzt: Alle Seiten "unter" der Startadresse gehören dazu, das Erscheinungsbild des Webangebots ist einheitlich, die Sitemap zeigt, was zum Umfang des zu prüfenden Webangebotes gehört.

Oft ist die Abgrenzung des Prüfgegenstandes aber nicht so einfach. Es gibt (möglicherweise mit gutem Grund) Bereiche, die anders aussehen, aber trotzdem zum Prüfgegenstand gehören. Und der umgekehrte Fall: Es gibt Bereiche, die ein Besucher zum Webangebot rechnen würde, die aber nicht mitgeprüft werden sollen.

Grundsätzlich gehören zum Prüfgegenstand:

  • Mobile Ansichten: Viele Webseiten sind heute auf die mobile Nutzung angepasst und bieten ein responsives Design. Die Anforderungen an barrierefreies Design gelten auch für die mobilen Ansichten und werden grundsätzlich mitgeprüft.
  • Teile von Webseiten, die eine andere Webadresse haben, aber trotzdem zum Webauftritt gehören, z.B. ein Online-Shop.
  • Inhalte und Dienste von Drittanbietern
  • Foren, Kommentare von Lesern
  • integrierte Funktionen (etwa Suchfunktionen)
  • Daten in anderen Nicht-HTML-Formaten
  • historische, nicht mehr gepflegte Bereiche
  • Bereiche für spezielle Benutzergruppen (zum Beispiel für Kinder)
  • unterschiedliche Sprachversionen
  • Versionen für unterschiedliche Benutzergruppen
  • Multimediale Inhalte wie Online-Videos oder Audiodateien
  • Auch Inhalte, die ursprünglich nicht für die Benutzung im Web vorgesehen waren, sind Bestandteile des Webangebotes. Denn wer Inhalte über das Web verbreitet, soll auch die (neuen) Möglichkeiten dieses Mediums nutzen.

Nicht zum Prüfgegenstand gehören:

Werbung gehört nicht zum Prüfgegenstand, soweit sie deutlich vom redaktionellen Inhalt abgegrenzt ist und die Nutzung der eigentlichen Inhalte nicht beeinträchtigt.

Verlinkte Webseiten anderer Anbieter gehören ebenfalls nicht zum Prüfgegenstand. Vom Anbieter selbst veröffentlichte Fremdinhalte sind dagegen Bestandteile seines Webangebotes. Die "Historie" eines Inhalts ist also nicht entscheidend, sondern es kommt darauf an, wer den Inhalt im Web veröffentlicht hat. Der Anbieter, der zum Beispiel ein PDF-Dokument veröffentlicht, muss für seine Barrierefreiheit gerade stehen.

4.2. Zulässige Abgrenzung des Prüfgegenstandes

Es können auch Teilbereiche von Webangeboten geprüft werden. Aber nicht jede Abgrenzung ist zulässig: Die Abgrenzung muss plausibel und akzeptabel sein. Das bedeutet: Das eigentliche Angebot eines Webauftritts kann normalerweise nicht ausgeklammert werden, das zu prüfende Webangebot muss für sich (also ohne den ausgeklammerten Bereich) sinnvoll nutzbar sein.

Falls nicht das gesamte Webangebot geprüft wird, muss die Abgrenzung des Prüfgegenstandes ausdrücklich festgelegt und dokumentiert werden.

Es muss für den Nutzer leicht nachvollziehbar sein, worauf sich ein Prüfsiegel bezieht und welche Bereiche des Webangebots ausgeklammert wurden.

5. Prüfbarkeit des Webauftritts

Im Zuge der Festlegung des Prüfgegenstandes wird auch geklärt, ob der Webauftritt überhaupt geprüft werden kann. Für die Prüfung mancher Webauftritte, etwa solcher, die für wichtige Inhalte Canvas nutzen, ist der BITV-Test als Prüfinstrument nicht geeignet.

5.1. Alternativversionen

BITV und WCAG lassen nur in Ausnahmefällen konforme Alternativversionen beim Einsatz nicht barrierefreier Techniken zu. Grundsätzlich sind Sonderlösungen zu vermeiden, konforme Alternativversionen sind nur für solche Angebote vorgesehen, die sich beim jeweiligen Stand der Technik nicht barrierefrei umsetzen lassen. Oder es muss einen guten Grund geben, um den Einsatz von Alternativversionen zu akzeptieren. Einleuchtende Gründe können etwa sein: Es wird eine neue Technik verwendet, die für viele Nutzer von Vorteil ist, die aber von bestimmten Hilfsmitteln noch nicht unterstützt wird. Oder bestehende Seiten dürfen aus rechtlichen Gründen nicht verändert werden.

Für eine konforme Alternativversion gilt, dass sie die gleichen Informationen und Funktionalitäten bieten muss und genauso aktuell sein muss wie die Originalversion. Alternativversionen sollen durchgängig gut erreichbar sein. Der Standort des Benutzers innerhalb des Angebots und innerhalb angebotener Versionen muss klar sein. Links oder Schaltflächen von der Standardversion zur Alternativversion müssen alle Anforderungen an Barrierefreiheit erfüllen.

Es gibt allerdings Angebote, in denen die Bereitstellung einer konformen und gleichwertigen Alternativversion nicht möglich ist, da HTML die benötigten Funktionen nicht bereitstellt. Der BITV-Test ist dann auf solche Angebote nicht anwendbar, denn er enthält derzeit kein Verfahren zur Prüfung der Zugänglichkeit von Inhalten, die nicht auf der Basis von HTML hergestellt wurden oder mit den verfügbaren Werkzeugen nicht geprüft werden können (etwa bei Canvas-Inhalten).

Die beiden möglichen Konsequenzen:

  • Wenn nicht prüfbare Bereiche für die Benutzung des Webangebotes nicht wesentlich sind, dann kann der Prüfumfang entsprechend eingeschränkt werden. In der Beschreibung des Prüfgegenstandes muss dann vermerkt sein, dass der entsprechende Bereich nicht in die Prüfung eingeschlossen ist.
  • Wenn ein nicht prüfbarer Bereich ein wesentlicher Bestandteil ist, kann das Webangebot nicht geprüft werden.

5.2. Textversionen

Alternative Textversionen sind kein geeignetes Mittel für die Herstellung der Zugänglichkeit von Webauftritten. Webauftritte, die Textversionen sind, die also insgesamt als Alternativen für andere, "normale" Webauftritte gedacht sind und angeboten werden, können daher mit dem BITV-Test nicht geprüft werden.

Dagegen kann der BITV-Test auch auf Webauftritte mit Textversion angewendet werden. Gegenstand der Prüfung sind dann allerdings nicht die Seiten der Textversion, geprüft wird nur die "Normalversion".

Eine nicht notwendige Textversion wird bei der Bewertung der Konformität nicht berücksichtigt.

6. Seitenauswahl

Bei umfangreichen Webangeboten ist die vollständige Prüfung sämtlicher Seiten praktisch ausgeschlossen, sie wäre zu aufwendig. Für die Prüfung werden daher einzelne Seiten, Seitenzustände und Prozesse ausgewählt. Diese Auswahl muss repräsentativ sein: das Ergebnis der Prüfung soll übertragbar sein und somit für den gesamten Webauftritt gelten.

6.1. Analyse des Webauftritts

In einem ersten Schritt wird das Webangebot ausführlich untersucht, um ein grundsätzliches Verständnis für den Zweck, die Bedienung und die Funktionalitäten des Angebots zu erlangen.

Fragestellungen sind hierbei:

  • Welche Seiten sind besonders wichtig für die gesamte Nutzbarkeit des Auftritts, z.B. Eingangsseite, Login-Seiten, Sitemap usw.?
  • Welche Funktionalitäten bietet der Webauftritt? Beispiele sind: Produkte auswählen und kaufen, Anzeigen aufgeben, Formulare ausfüllen und abschicken.
  • Welche unterschiedlichen Seitentypen sind vorhanden? Dies betrifft etwa Layout, Navigation, Formulare, Tabellen, Textseiten, etc.
  • Welche Web Technologien werden genutzt? Z.B. HTML, WAI-ARIA, Java, PDF
  • Welche Prozesse bietet die Website? Welche Seitenzustände gibt es?

6.2. Seitenauswahl durchführen

Nach der Analyse des Webauftritts wird die Seitenauswahl getroffen:

6.2.1. Unabhängige Seitenauswahl

Die Seitenauswahl hat entscheidenden Einfluss auf das Prüfergebnis. In einem abschließenden Test muss sie daher unabhängig sein, das heißt, sie kann vom Auftraggeber der Prüfung nicht vorgegeben oder mitbestimmt werden. Auch darf das Ergebnis des Auswahlverfahrens für Außenstehende nicht vorhersehbar sein.

6.2.2. Anzahl der Seiten

Die Anzahl der auszuwählenden Seiten richtet sich nach der Komplexität des Angebots, also der Anzahl unterschiedlicher Seitentypen. Die Minimalanzahl bei einfachen, kleinen und einheitlich gestalteten Webangeboten sind drei Seiten, bei komplexen Angeboten können es 5, 6 oder mehr Seiten sein. Auf dieser Basis ist eine recht sichere Aussage über die Barrierefreiheit des gesamten Webangebots möglich.

6.2.3. Sämtliche Barrieren erfassen

Die Prüfung soll verschiedenartige Barrieren eines Webangebotes vollständig erfassen. Es geht also nicht darum, durchschnittliche Seiten für die Prüfung auszuwählen, sondern es gilt, versteckte Problembereiche aufzudecken. Andersartige Seiten können ausgewählt werden, auch wenn sie zahlenmäßig nicht ins Gewicht fallen.

6.2.4. Unterschiedliche Seitentypen einbeziehen

Besonders umfangreichere Webauftritte weisen in der Regel verschiedenste Seitentypen auf: Einzelne Seiten oder Bereich unterscheiden sich etwa hinsichtlich Struktur, Layout, Navigation oder beinhalten spezielle Elemente wie Tabellen, Formulare, Date Picker, Pop-up-Fenster usw.

Unterschiedliche Seitentypen gibt es aber auch dann, wenn der Webauftritt nur zum Teil auf ein neues Design umgestellt worden ist, d.h. nicht einheitlich gestaltet ist oder mehrere eigenständige Bereiche zusammenfasst.

Da unterschiedliche Seitentypen oft große Unterschiede in der Unterstützung von Barrierefreiheit aufweisen, müssen in die Seitenauswahl alle Seitentypen einbezogen werden.

6.2.5. Unterschiedliche Seitenzustände einbeziehen

Viele moderne Webangebote erzeugen Seiteninhalte dynamisch - sei es, dass bestimmte Bereiche versteckt und bei Fokussierung oder Auswahl eingeblendet werden, sei es, dass sie über JavaScript nach dem Laden des Ausgangszustands später nachgeladen und angezeigt werden, etwa bei dynamisch erzeugten Fehlermeldungen oder Live-Inhalten.

Die Seitenauswahl beinhaltet also auch die Aufgabe, mit den Seiteninhalten zu interagieren, um zusätzliche Zustände aufzuspüren, festzulegen und miteinzubeziehen. Bei Seiten, die verschiedene Zustände skriptgesteuert anzeigen, sollten zusätzliche repräsentative Zustände festgelegt und mitgeprüft werden. Dies betrifft etwa Einfügungen von zuvor versteckten Bereichen oder die Einblendung zusätzlicher Elemente (etwa als Lightbox).

Bei Webanwendungen, in denen eine Abfolge zusammengehöriger Schritte auf derselben Seite einen Prozess bildet, wird der Prozess schrittweise dargestellt. Wie die zu prüfenden Zustände und Prozesse hervorgerufen werden, wird in der Seitenauswahl beschrieben. Prozesse sollen vollständig einbezogen werden. Die bedeutet nicht, dass gleichartige Seiten, die sich während der Prozessschritte nur unwesentlich ändern, als eigene Seiten in die Seitenauswahl einbezogen werden. Wenn jedoch als Teil des Prozesses neue Inhalte auftauchen, etwa nutzerdefinierte Bedienelemente oder Lightboxes, müssen diese in die Prüfung mit einbezogen werden, um alle potentiellen Barrieren eines Prozesses zu erfassen.

Zusätzlich festgelegte Zustände und Prozesse werden in der Seitenauswahl klar benannt (also durchnummeriert oder beziffert), damit auf sie bezogene Prüfkommentare und Bewertungen klar zugeordnet werden können. Wenn zusätzliche Zustände die Seiteninhalte wesentlich verändern, können sie auch als weitere zu prüfende Seite definiert werden. Wie der Zustand aufgerufen wird, wird dann in der Seitenauswahl beschrieben.

Auch die responsive Ansicht ist ein möglicher weiterer Seitenzustand und wird mitgeprüft. Nach der Auswahl der zu testenden Seiten wird für diese Seiten geprüft, ob eine responsive Ansicht verfügbar ist. Mängel werden bei den entsprechenden Prüfkriterien bewertet.

6.2.6. Stellenwert für die Benutzbarkeit des Webangebotes

Ein weiteres Auswahlkriterium ist der Stellenwert einer Seite für die gesamte Nutzbarkeit des Webangebotes. Seiten, die für die Nutzbarkeit des gesamten Angebotes kritisch sind, sollen auch in der Auswahl gut vertreten sein.

  • Die Startseite wird immer für den Test ausgewählt, denn viele Besucher kommen über die Startseite oder nutzen diese, um zu anderen Bereichen des Angebots zu gelangen. Wenn sie nicht zugänglich ist, hat das gravierende Auswirkungen auf die Zugänglichkeit des gesamten Webauftritts.
  • Dasselbe gilt für vor der eigentlichen Startseite des Webangebotes angeordnete Intro-Seiten.
  • Bei Prozessen die sich über mehrere Seiten erstrecken (Shops, Fahrplanauskunft) sind alle Schritte/Seiten des vorgesehenen Gesamtablaufs kritisch: Wenn der Benutzer die allgemeinen Geschäftsbedingungen nicht lesen oder nicht bestätigen kann, ist der Shop insgesamt unbenutzbar. Dennoch muss nicht jede einzelne Seite eines Prozesses in die Seitenauswahl hineingenommen werden. Bei der Seitenauswahl besteht stattdessen die Aufgabe, vor Beginn der eigentlichen Prüfung kritische Punkte zu identifizieren und die entsprechenden Seiten in die Seitenauswahl mit aufzunehmen. Sie stehen dann stellvertretend für den gesamten Prozess.
6.2.7. Seiten mit unterschiedlichen Funktionen einbeziehen

Das letzte Auswahlkriterium ist die Funktion von Seiten. Denn auch aus der besonderen Funktion ergeben sich unterschiedliche Gestaltungen und unterschiedliche Anforderungen an die Barrierefreiheit. Je nach Typ des Webangebotes kommen in Frage:

  • wiederum die Intro-Seiten, die häufig ohne Zutun des Benutzers Aktionen (zum Beispiel eine automatische Weiterleitung) starten,
  • wiederum die Startseite, die in der Regel eine Vielzahl von unterschiedlichen Informationsangeboten auf einen Blick zeigen soll
  • erschließende Überblicksseiten bei hierarchisch aufgebauten Webangeboten
  • "tiefe" Seiten mit Inhaltsangeboten (Artikel, Abbildungen, Listen, Video- oder Audio-Dateien)
  • Seiten mit längeren, gliederungsbedürftigen Texten
  • Seiten mit interaktiven Elementen (Kontakt, Suche)
6.2.8. Zusammenfassung: Die Kriterien der Seitenauswahl
  1. Die Auswahl soll unabhängig und nicht vorhersehbar sein,
  2. Ziel ist es, sämtliche Barrieren einer Seite zu erfassen,
  3. unterschiedlich Seitentypen,
  4. unterschiedliche Seitenzustände,
  5. für die Benutzbarkeit des gesamten Auftritts relevante Seiten und
  6. Seiten mit unterschiedlichen Funktionen sollen einbezogen werden.

Teilweise überlagern sich die Kriterien, ein einfaches Schema für die richtige Seitenauswahl gibt es leider nicht.

6.3. Identifikation der Seiten

Damit Bewertungen nachvollziehbar sind, muss klar sein, auf welche Seiten des Webangebotes sie sich beziehen. Die für die Prüfung ausgewählten Seiten müssen daher (im originalen Webangebot) zu identifizieren sein. Im Regelfall reicht hierfür die Angabe der URL. Schwieriger ist die "Quellenangabe" bei dynamisch generierten Seitenzuständen oder bei Seiten, die auf der Grundlage von Benutzereingaben erzeugt werden. Das sind zum Beispiel Bestellbestätigungen oder Fehlermeldungen. Bei solchen Ansichten oder Seiten werden die Eingaben, die zur Erzeugung der geprüften Seiten geführt haben, festgehalten und im Prüfbericht dokumentiert. Auch Frame-Seiten können unter Umständen nicht einfach über die Angabe einer URL abgerufen werden, die erforderlichen Benutzereingaben und Auswahlschritte müssen festgehalten werden.

Das Verfahren: Ausgehend von der Startseite werden die Auswahlschritte aufgelistet, die zu der geprüften Seite geführt haben. Beispiel:

  • Auf der Startseite den Reiter "Bücher" auswählen
  • in der mit "Suche nach" bezeichneten Auswahlliste den Listeneintrag "Autoren" auswählen und "starten"
  • den Autor "Chandler" auswählen
  • die Schaltfläche "Einkaufswagen" neben dem Buch "Nevada-Gas" anklicken

Das Gleiche gilt für die Dokumentation der Erzeugung von zusätzlichen Seitenzuständen, die in die Prüfung mit einbezogen werden (vergleiche Abschnitt 5.3. Festlegung von Seitenzuständen).

6.4. Kopien der ausgewählten Seiten

Webangebote werden laufend verändert, die Prüfung ist nur eine Momentaufnahme. Auch erzeugt die Prüfung selbst Änderungsbedarf: In der Prüfung ermittelte Barrieren sollen behoben werden. Prinzipiell würde es deshalb Sinn machen, den Zustand der geprüften Seiten zum Zeitpunkt der Prüfung zu dokumentieren, also Kopien dieser Seiten anzulegen. Da viele Seiten jedoch zunehmend servergenerierte Inhalte anzeigen, die sich in einer Seitenkopie nicht mehr wiederfinden, ist diese Praxis nicht länger sinnvoll. Mit dem BITV-Test bewertete Webangebote können unter testen.bitvtest.de angesehen werden.

7. Prüfung

Dieser Abschnitt beschreibt den Rahmen der eigentlichen Prüfung: In einem entwicklungsbegleitenden Test testet ein Prüfer die Erfüllung der Prüfanforderungen, in einem abschließenden Test bewerten zwei Prüfer parallel die Einhaltung der Anforderungen und gleichen ihre Bewertungen im Anschluss ab.

Grundlage für die Bewertung ist das im Verzeichnis der Prüfschritte festgelegte Verfahren. Die Prüfschritte können unabhängig voneinander bewertet werden, eine feste Reihenfolge für die Bearbeitung der Prüfschritte gibt es nicht.

Das Testverfahren ist so aufgebaut, dass ein Test ohne assistive Technologien grundsätzlich möglich ist. Im Falle von komplexen dynamischen Inhalten, die mit WAI-ARIA angepasst sind, ist der Einbezug eines Screenreaders (siehe Werkzeugliste) sinnvoll.

7.1. Prüfgegenstand (einzelne Seite oder Webauftritt)

Die meisten Prüfschritte beziehen sich auf Merkmale einzelner Seiten. Sie können für einzelne Seiten eines Webauftritts erfüllt sein und für andere nicht. Diese Prüfschritte müssen auf alle für die Prüfung ausgewählten Seiten einzeln angewendet werden.

Beispiel: Auf verschiedenen Seiten eines Webangebotes werden tabellarische Daten angezeigt. Es kann sein, dass diese Daten unterschiedlich ausgezeichnet sind, die Seiten müssen daher einzeln geprüft werden.

Einige Prüfschritte beziehen sich allerdings nicht auf bestimmte Seiten, sondern auf den gesamten Webauftritt. Prüfschritte, die sich auf den Webauftritt als Ganzen beziehen, sind:

Bei diesen Prüfschritten gibt es nur eine Bewertung, die für alle ausgewählten Seiten und für den Webauftritt als Ganzes gilt. Sie werden vorab, im Zuge der Klärung der Prüfbarkeit des Webauftritts (Abschnitt 5) und der Auswahl von Seiten (Abschnitt 6) bearbeitet.

7.2. Anwendbarkeit

Die meisten Prüfschritte sind nur unter bestimmten Voraussetzungen anwendbar. Prüfschritt 3.3.2a Beschriftungen von Formularfeldern vorhanden ist zum Beispiel nur anwendbar, wenn der zu prüfende Webauftritt ein Formular enthält, etwa für die Sucheingabe. Zunächst ist daher zu klären, ob ein Prüfschritt auf die zu prüfende Seite oder auf den Webauftritt anwendbar ist.

Die folgenden Prüfschritte sind stets anwendbar:

Bei allen anderen Prüfschritten ist die Anwendbarkeit individuell festgelegt. Sie ist nach dem im Verzeichnis der Prüfschritte vorgegebenen Verfahren zu ermitteln.

Hinweis: Prüfschritt 3.1.2a Anderssprachige Wörter und Abschnitte ausgezeichnet ist als stets anwendbar definiert, da die Vermeidung anderssprachiger Wörter als Alternative der Erfüllung des Prüfschritts bewertet werden soll.

7.3. Bewertungsalternativen

Für anwendbare Prüfschritte erfolgt anschließend die eigentliche Bewertung des Prüfschritts. Für insgesamt vier Prüfschritte sind nur die beiden Bewertungsalternativen "erfüllt" und "nicht erfüllt" vorgegeben:

Für alle anderen Prüfschritte sind die Bewertungsalternativen "erfüllt", "eher erfüllt", "teilweise erfüllt", "eher nicht erfüllt" und "nicht erfüllt" vorgegeben.

Hinweis zum überarbeiteten BITV- bzw. WCAG-Test: In der Ergebnisauswertung führen nach Abschluss der Prüfung alle Prüfschritte, die mit „teilweise erfüllt“ oder schlechter bewertet wurden, zu Einstufung der übergeordneten Anforderung als "nicht erfüllt". Anforderungen sind im Ergebnis nur dann "erfüllt", wenn alle zugeordneten Prüfschritte mit "eher erfüllt" oder "erfüllt" bewertet wurden (siehe Abschnitt 9).

7.4. Bewertung

Grundlagen der Bewertung sind:

  1. Der Sinn und Zweck der zu prüfenden Anforderung,
  2. das im Verzeichnis der Prüfschritte festgelegte Prüfverfahren und
  3. die bisherige Bewertungspraxis (siehe Abschnitt 3.4).

Die Ergebnisse der Prüfung sollen für Dritte im Detail nachvollziehbar und nachprüfbar sein. Damit dies möglich ist, werden Bewertungen gegebenenfalls mit Anmerkungen versehen. Insbesondere in zwei Fällen sind solche Anmerkungen erforderlich:

  1. Das Element, um das es bei dem Prüfschritt geht, kommt auf der Seite mehrfach vor. Für einige dieser Elemente ist der Prüfschritt erfüllt, für andere nicht. Aus der Anmerkung geht dann hervor, auf welches Element sich die Bewertung bezieht.
  2. Die Bewertung ist erläuterungsbedürftig. Das Prüfverfahren kann nicht wie vorgesehen angewendet werden, die Seite weist Besonderheiten auf, die im Verfahren nicht berücksichtigt sind.

Hinweis: Der Einsatz neuer Techniken, die nicht mit dem BITV- bzw. WCAG-Test geprüft werden, durch die jedoch die BITV-Anforderungen erfüllt werden, soll sich nicht negativ auf das Ergebnis des Tests auswirken. Sind solche Techniken bekannt, prüfbar und gelten als Barrierefreiheit unterstützend, führt deren Einsatz nicht zu Punktabzug und wird zeitnah in das Prüfverfahren aufgenommen.

8. Auswertung BITV-Test / WCAG-Test

Auf Basis der einzelnen Bewertungen wird ein HTML-Bericht erstellt. Berichte abschließender Tests können Anbieter auf Wunsch veröffentlichen, um darauf vom Prüfzeichen aus zu verlinken. Der Bewertungsansatz hat sich durch die Aufgabe der bisherigen Punktebewertung und der Ausrichtung an den WCAG deutlich verändert.

8.1. Gesamtbewertung für einzelne Prüfschritte

Eine Gesamtbewertung für einzelne Prüfschritte wird nicht mehr vorgenommen.

8.1.1. Gewichtung der Prüfschritte

Prüfschritte sind nicht gewichtet. Der Punktwert der Prüfschritte wird nur noch intern in der Statistik genutzt, in der Ergebnisdarstellung spielt er keine Rolle.

8.2. Gesamtbewertung des Auftritts

Eine Gesamtbewertung des Auftritts wird nicht vorgenommen. Die ehemals vorgenommene Berechnung eines Gesamtergebnisses in Punkten (Durchschnitt der Bewertungen der Seiten in der Seitenauswahl) widerspricht dem Konformitätsansatz der WCAG, die Konformität nur auf Ebene einzelner Seiten betrachtet.

8.2.1. Abwertung

Da ein Gesamtergebnis nicht mehr ermittelt wird und alle Anforderungen zur Erreichung der Konformität einer Seite erfüllt sein müssen, wird eine explizite Abwertung nicht mehr gebraucht. Die Abwertung hatte im bisherigen Verfahren die Aufgabe, bei Angeboten, die einzelne schwerwiegende Mängel aufweisen, das Gesamtergebnis unabhängig vom erreichten, möglicherweise guten, Punktergebnis auf "eingeschränkt zugänglich" oder "schlecht zugänglich" abwerten zu können.

8.3. Bewertung für einzelne Seiten

Der HTML-Prüfbericht zeigt für jede einzelne geprüfte Seite, wie viele der 60 Anforderungen nicht erfüllt wurden.

Der PDF-Prüfbericht zeigt das ebenfalls. Er enthält darüber hinaus in den Abschnitten Nicht BITV-konform: Prüfschritte und Seiten (teilweise erfüllt oder schlechter) sowie BITV-konform: Prüfschritte und Seiten (erfüllt oder eher erfüllt) für jeden Prüfschritt das Konformitäts-Ergebnis für die einzelnen Seiten der Seitenauswahl. Im Abschnitt Anmerkungen zu einzelnen Prüfschritten werden dann zu jedem Prüfschritt die abgestuften Bewertungen und Anmerkungen für die einzelnen Seiten aufgelistet.

8.4. Konformität gemäß BITV / WCAG

Die Prüfschritte des BITV-Tests basieren auf den Anforderungen der Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV) 2.0. Durch den direkten Verweis der im Mai 2019 aktualisierten BITV 2.0 auf die EN 301 549 (PDF, 2 MB), welche für Webangebote die WCAG 2.1 und deren Konformitätsbedingungen reproduziert, wird die Berechnung der Konformität auf Basis der nun nicht mehr kompatiblen Punktebewertung aufgegeben. Damit entfällt auch das Prüfzeichen 90plus für gut zugängliche und das Prüfzeichen 95plus für sehr gut zugängliche Angebote.

    9. Zum Umgang mit dem neuen Bewertungsansatz

    In den Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) 2.1 ist Konformität für eine der Konformitätsstufen (A, AA, AAA) nur dann gegeben, wenn eine Seite alle Erfolgskriterien erfüllt.

    9.1. Ergebnis für einzelne Anforderungen bzw. Erfolgskriterien

    Im Test sind den Anforderungen / Erfolgskriterien ein oder mehrere Prüfschritte zugeordnet. Eine Punktebewertung und eine Gewichtung einzelner Prüfschritte sind nicht vorgesehen. In der Ergebnisdarstellung gibt es deshalb nur die Unterscheidung: Anforderung / Erfolgskriterium "erfüllt" oder "nicht erfüllt".

    Bei der Auswertung nach WCAG werden die im Testtool verfügbaren differenzierten Bewertungen entsprechend generiert:

    • Alle Prüfschritte, die mit "teilweise erfüllt" oder schlechter bewertet wurden, bedeuten ein "nicht erfüllt" der übergeordneten Anforderung,
    • alle Prüfschritte, die mit "erfüllt oder "eher erfüllt" bewertet wurden, bedeuten ein "erfüllt" der übergeordneten Anforderung.

    9.2. Zum Umgang mit der Bewertung "eher erfüllt"

    Ist es legitim, die Anforderung / das Erfolgskriterium auch dann als "erfüllt" zu betrachten, wenn zugeordnete Prüfschritte mit "eher erfüllt" bewertet wurden?

    In den WCAG ist nur die Unterscheidung "Erfolgskriterium erfüllt/nicht erfüllt" vorgesehen. In vielen Prüfschritte ist diese Bewertung aber nicht immer klar und eindeutig zu vergeben - es gibt einen Interpretationsspielraum. Ein Beispiel: Eine Grafik ist zwar mit einem Alternativtext versehen, der Alternativtext beschreibt das Bild aber nicht optimal. Im BITV-Test würde dann die Bewertung "eher erfüllt" vergeben werden. Die Auswertung nach WCAG verlangt aber eine eindeutige Antwort. Nun muss sich der Prüfende entscheiden, ob das Erfolgskriterium trotz kleiner Mängel erfüllt ist oder nicht. Setzt er das Erfolgskriterium auf "nicht erfüllt", ist Konformität für die ganze Seite nicht mehr möglich.

    Grundsätzlich ist ein Test nur sinnvoll, wenn es auch die Möglichkeit gibt, den Test zu bestehen. Die Konformität nach BITV bzw. WCAG soll zumindest für einzelne Webseiten ein erreichbares Ziel sein. Aus diesem Grund erscheint es legitim und sinnvoll, geringfügige Mängel zwar anzumerken und zu beschreiben, aber nicht als Knock-out-Kriterium zu bewerten.

    9.3. Konformität für einzelne Seiten

    Konformität kann gemäß WCAG nur für einzelne Seiten definiert werden. Damit für eine Seite die Konformität bestätigt werden kann, müssen folgende Voraussetzungen erfüllt sein:

    1. Aussagen zur Barrierefreiheit gelten für eine der drei Konformitätsstufen A, AA, AAA. Sämtliche Erfolgskriterien einer Stufe müssen erfüllt sein.
    2. Die Seite wurde vollständig getestet, d.h. alle anwendbaren Prüfschritte wurden auf die gesamte zu testende Seite bezogen.
    3. Bei Seiten, die Teil eines Prozesses sind, wurde der gesamte Prozess geprüft und als konform bewertet.
    4. Auf der betreffenden Seite werden ausschließliche Techniken benutzt, die die Barrierefreiheit unterstützen, d.h. von assistiven Technologien und User Agents erkannt und unterstützt werden.
    5. Unter Umständen dürfen Alternativversionen für nicht barrierefreie Techniken genutzt werden. Folgende Techniken sind jedoch immer störend und können nicht durch eine alternative Technik kompensiert werden:
    • Audio wird automatisch abgespielt
    • Tastaturfalle
    • Sich bewegende Elemente können nicht angehalten, beendet oder ausgeblendet werden
    • Stark blinkende oder flackernde Elemente

    Das Testinstrument und die vorliegende Beschreibung des Prüfverfahrens unterstützen die Einhaltung der von der WCAG geforderten Voraussetzungen.

    10. Prüfbericht

    Der Prüfbericht enthält alle Ergebnisse des Tests, nach geprüften Seiten und nach Prüfschritten geordnet. So kann der Betreiber des Webauftritts leicht sehen, wo Verbesserungen erforderlich sind. Auch für Fachleute oder für Nutzer sind die Ergebnisse und ihr Zustandekommen nachvollziehbar.

    Die Nachvollziehbarkeit der Prüfergebnisse ist ein wichtiges Mittel, um die Qualität von Prüfungen sicherzustellen. Fragwürdige Bewertungen können aufgedeckt und korrigiert werden.

    10.1. Inhalte des Prüfberichts

    Der Prüfbericht wird auf Basis der Ergebnisse des Tests automatisch generiert. Kern des Berichts sind die Ergebnisse der einzelnen Prüfschritte. Zu jedem Prüfschritt wird angegeben, welche Seiten wie bewertet worden sind, die Kommentare zu den einzelnen Bewertungen werden ebenfalls ausgegeben.

    Bestandteile des Prüfberichts sind:

    • Datum oder Zeitraum der Prüfung
    • Name des Prüfers und der Prüfstelle
    • Angaben zur Bestimmung des Prüfgegenstands (Startadresse, von der Prüfung ausgenommene Bereiche oder Elemente des Webangebots)
    • Auflistung der geprüften Seiten, Angaben zu mitgeprüften Seitenzuständen, gegebenenfalls Erläuterungen zur Auswahl und zur Identifikation der ausgewählten Seiten
    • Ausgabe der Konformität für einzelne Seiten (mit Anzahl nicht erfüllter Anforderungen)
    • Ergebnis für die einzelnen Prüfschritte für jede Seite (konform / nicht konform), ggf. mit Anmerkungen des Prüfers
    • Verweis auf die Beschreibung des Prüfverfahrens

    11. Veröffentlichung von Prüfergebnissen

    Prüfberichte von abschließenden BITV- bzw. WCAG-Tests können veröffentlicht werden. Eine Veröffentlichung darf nur vollständig erfolgen, alle Angaben des Prüfberichts müssen eingeschlossen werden.

    Bestandteil des Gesamtergebnisses ist die hinreichend klare Angabe des Prüfgegenstandes. Wenn das Webangebot nur teilweise geprüft worden ist, wenn also z. B. bestimmte Bereiche von der Prüfung ausgenommen worden sind, dann muss das angegeben werden. Dort, wo (z. B. mit einem Prüfzeichen) über das Prüfergebnis informiert wird, steht dann zum Beispiel:

    • Nicht in die Prüfung eingeschlossen war die Barrierefreiheit der PDF-Dokumente
    • Nicht in die Prüfung eingeschlossen war der Bereich "Materialien"

    11.1. Verwendung der BIK-Prüfzeichen

    Die alten BIK-Prüfzeichen 90plus (gut zugänglich) und 95plus (sehr gut zugänglich) werden nicht länger vergeben, da die Punktbewertung eingestellt wurde. Stattdessen gibt es zwei neue Prüfzeichen:

    • BIK BITV-Test Prüfbericht. Dieses Prüfzeichen können Angebote tragen, die mit dem abschließenden BIK BITV-Test oder BIK WCAG-Test geprüft wurden. Das Prüfzeichen gibt keinen Hinweis auf die Bewertung und bedeutet nicht, dass das geprüfte Angebot BITV- oder WCAG-konform ist. Es darf nur eingesetzt werden, wenn es auf die Erklärung zur Barrierefreiheit des Angebots verlinkt und dort die bestehenden Mängel aufgeführt sind – alternativ muss es auf den Online-Prüfbericht verlinken, der bestehende Mängel detailliert aufführt.
    • BIK BITV-konform (geprüfte Seiten) und BIK WCAG-konform (geprüfte Seiten). Dieses Prüfzeichen kann verwendet werden, wenn in einem abschließenden BITV oder WCAG-Test für alle geprüften Seiten alle Anforderungen als "erfüllt" bewertet wurden (das heißt, dass alle Prüfschritte mit "erfüllt" oder "eher erfüllt" bewertet wurden). Auch dieses Prüfzeichen darf nur eingesetzt werden, wenn es auf die Erklärung zur Barrierefreiheit des Angebots oder den Online-Prüfbericht verlinkt.

    Der Webanbieter befolgt dabei die Regeln für die Einbindung des BIK-Prüfzeichens.

    Das Prüfzeichen hat keine begrenzte Gültigkeit. Aufgrund des dokumentierten Prüfdatums im verlinkten Prüfbericht wird jedoch deutlich, wann das Webangebot geprüft wurde. Je aktueller das Datum, desto größer ist die Aussagekraft des Prüfergebnisses und umgekehrt.

    11.2. Konformitätserklärung nach WCAG

    Das hier beschriebene Prüfverfahren ist an die Website Accessibility Conformance Evaluation Methodology (WCAG-EM) 1.0angelehnt. Aus diesem Grund ist es möglich, neben der Beurteilung einzelner Seiten, Rückschlüsse auf die Zugänglichkeit des gesamten Prüfgegenstand (gesamter Webauftritt bzw. Teilbereiche) zu ziehen und eine entsprechende Erklärung abzugeben.

    Der Webanbieter befolgt dabei die Regeln für die Einbindung einer Konformitätserklärung nach WCAG.