Die Erfinder von HTML haben vielleicht hauptsächlich ihre wissenschaftlichen Veröffentlichungen im Kopf gehabt. Aber die Wirklichkeit des Web zeigt: Ihre Sprache ist leistungsfähig und allgemein genug, um sich auch als Basis für Shops, Portale oder Webtagebücher durchzusetzen. So unbrauchbar, wie manchmal gesagt wird, ist HTML also sicher nicht. Und wenn die Sprache so genutzt würde, wie sie einmal gedacht war, dann wäre in Webseiten auch alles drin, was man braucht, um sie unabhängig von visuellen oder anderen speziellen Ausgabemedien zu nutzen.
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Mit den Strukturelementen von HTML kann man eine Ordnung schaffen, die nicht an die Gestaltung für den Bildschirm gebunden ist. Dafür gibt es Auszeichnungen für Abschnitte, Aufzählungen und Überschriften.
Direkt zu sehen sind diese Ordnungsmittel im Browser normalerweise nicht. Nur wenn man in den Quelltext der Seite wechselt, kann man sehen, dass da Texte als Überschriften oder Listen ausgezeichnet worden sind. Wie nutzt man sie also?
In der Spezifikation von HTML 4.04 steht:
Browser oder andere Benutzeragenten können die Überschriften zum Beispiel nutzen, um automatisch Inhaltsverzeichnisse für Seiten zu erzeugen. (...) Visuell ausgerichtete Browser zeigen die wichtigeren Überschriften in der Regel in größerer Schrift an.
Quelle: http://www.w3.org/TR/REC-html40/struct/global.html#h-7.5.5
Damit sind die beiden wichtigsten Nutzanwendungen der HTML-Strukturelemente angesprochen: Sie sagen dem Ausgabemedium, was es darstellen soll und sie sind die Basis, auf der man den Inhalt von Webseiten in separaten Inhaltsverzeichnissen fassen kann.
Die mit HTML definierte Struktur zielt nicht auf ein bestimmtes Ausgabemedium. Sie sagt nicht, dass da etwas groß oder klein, grün oder blau gestaltet werden soll, oder dass da ein Kasten um den Text gemacht werden soll. Sondern sie sagt, dass Dinge in dieser oder jener Weise zusammen gehören, aufeinander folgen, über- oder untergeordnet sind.
Die Auszeichnung einer Überschrift sagt also nicht: "Dieses Stückchen Text bitte etwas größer, gefettet und in rot darstellen". Denn das wäre eine Form der Strukturierung, die nur für einen Farbbildschirm oder einen Farbdrucker Sinn macht. Sondern sie sagt: "Dieses Stückchen Text ist eine Überschrift der zweiten Gliederungsebene. Zeig sie entsprechend an!"
Wie nutzt man diese Struktur? Genauer gefragt: Wie kann man sie unabhängig von einer ganz bestimmten Form, nämlich der Darstellung auf dem Bildschirm, nutzen?
Auch wenn sie manchmal nicht so aussehen: Webseiten sind Texte. Wenn man sehen will, was die technische Basis einer Webseite ist, kann man sich ihren Quelltext ansehen. Und da stehen die verschiedenen HTML-Strukturelemente - also Überschriften, Listen und Abschnitte - auch tatsächlich drin.
Allerdings ist das höchstens für Spezialisten von Interesse. Denn in den Quelltexten steht meist noch jede Menge anderes Zeug mit drin, für Otto Normalverbraucher sind sie nicht verständlich.
Schon eher eine brauchbare Möglichkeit: Man weist seinen Browser an, die von der Webseite für den Bildschirm mitgelieferten, speziellen Gestaltungsvorgaben (Stylesheets) nicht zu beachten, sondern seine eigenen Gestaltungsregeln auf die Webseite anzuwenden.
Der Browser nutzt dann quasi sein eigenes internes Stylesheet, um die Struktur der Seite darzustellen. Er stellt zum Beispiel alle mit <h1> als Hauptüberschriften ausgezeichneten Texte sehr groß und fett dar.
Bei manchen Browsern ist das Ausschalten der von der Webseite mitgelieferten Gestaltungsvorgaben schwierig, die meisten Leute wissen nicht, wie das geht. Deswegen bieten manche Webseiten selbst diese Möglichkeit an. Auf bik-online.info kann man zum Beispiel im Auswahlmenü "Darstellung" die Darstellungsoption "ohne Stylesheet" auswählen. Dann sieht man, wie der eigene Browser die HTML-Strukturelemente darstellt.
Wofür das gut sein soll? Es ist nützlich, wenn man mit den eigentlich vorgesehenen, im Stylesheet mitgelieferten Gestaltungsvorgaben der Seite Probleme hat. Also zum Beispiel wenn man bestimmte Farben nicht gut sehen kann. Man kann dann ausprobieren, ob die eingebauten Gestaltungsregeln des Browsers besser geeignet sind.
Was macht man, wenn weder die mitgelieferten Gestaltungsvorgaben der Webseite noch die Gestaltungsregeln des Browsers passen? In diesem Fall kann man auch selbst die Regeln setzen. Man definiert seine eigenen Gestaltungsregeln, sagt seinem Browser, wie er Überschriften, Listen oder andere Strukturelemente darstellen soll.
Auch das ist kompliziert und auf den ersten Blick vielleicht eher abwegig. Wer will schon selbst in dieser Weise gestaltend tätig werden, nur um eine Webseite besser nutzen zu können? Aber es kann ja viel davon abhängen. Und die persönlichen Gestaltungsvorgaben müssen auch nicht für jede einzelne Webseite neu definiert werden, man muss sich die Arbeit nur einmal machen. Sehbehinderte, die mit üblichen Farbkombinationen nicht klar kommen, weichen sogar ziemlich oft auf eigene Gestaltungsregeln aus. Denn es gibt ja sehr viele unterschiedliche Formen von Farbenblindheit oder Farbfehlsichtigkeit, so dass Webseiten kaum in der Lage sind, alle entsprechenden Anforderungen in einer einzigen Version zu befriedigen.
Natürlich kann auch die Webeseite selbst alternative Darstellungen anbieten. Viele Leute lesen zum Beispiel nicht gern am Bildschirm. Webseiten werden daher oft zum Lesen ausgedruckt. Das ist nichts besonderes, deswegen schicken viele Webanbieter gleich eine für den Ausdruck auf Papier besser geeignete Gestaltungsvorgabe mit. Dieses Prinzip funktioniert auch für andere Ausgabemedien, der Webanbieter kann zum Beispiel auch spezielle Gestaltungsvorgaben für PDAs (Personal Digital Assistant - kleiner, tragbarer Minicomputer) mitliefern. In der Praxis ist das noch nicht üblich, das Gerät versucht selbst zu klären, wie die Inhalte auf seinem Minibildschirm anzuordnen sind.
Womit wir beim Screenreader wären. Der liest die Inhalte über die Sprachausgabe vor. Klar ist also: Alle visuellen Gestaltungsvorgaben wie Farbe, Größe oder Hintergrund sind nicht geeignet. Aber es gibt auch andere Formen, auch beim Vorlesen kann man gestalten. Man setzt unterschiedliche Stimmen ein oder man variiert die Lautstärke. Und wenn das nicht reicht, sagt man einfach an, dass als Nächstes eine Überschrift oder ein Listeneintrag vorgelesen wird.
Das ist die erste Nutzanwendung einer korrekten und umfassenden Strukturierung. Die Darstellung ist nicht an ein bestimmtes Ausgabemedium gebunden, der Benutzer kann selbst die am besten geeignete Form auswählen.
Aber es gibt noch eine zweite Nutzanwendung der Struktur.
Bei umfangreichen Webseiten wird oft ein handgemachtes Inhaltsverzeichnis mitgeliefert. Das steht am Anfang der Seite, der Besucher kann erst mal schauen, was alles auf der Seite drauf ist und wenn er etwas Interessantes gefunden hat, direkt da hin springen.
Wenn eine Seite mit den vorgesehenen Strukturelementen ausgestattet ist, dann braucht es so ein handgestricktes Inhaltsverzeichnis eigentlich nicht. Auf Basis der definierten Struktur kann der Browser das Verzeichnis selbst zusammenstellen.
Was nicht nur Arbeit ersparen würde. Das Inhaltsverzeichnis würde nicht den Platz auf der Seite verbrauchen, es müsste nur bei Bedarf angezeigt werden. Man könnte festlegen, dass nur bestimmte Ebenen angezeigt werden sollen und dann vielleicht schrittweise Bereiche des Verzeichnisses öffnen. Und das Ganze würde auf allen Webseiten gleich funktionieren, man müsste sich nicht in unterschiedliche Navigationskonzepte einarbeiten, sondern man könnte umgekehrt den Mechanismus der seiteninternen Navigation an seine Bedürfnisse anpassen.
Ist das Zukunftsmusik? Keineswegs. Aus Microsoft Word kennen viele Leute diese Möglichkeit: Wenn man im Dokument Überschriften definiert hat, kann man sich automatisch ein Inhaltsverzeichnis zusammenstellen lassen. Aus diesem Verzeichnis kann man dann wie mit Sprunglinks direkt zu den verschiedenen Abschnitten des Dokuments springen.
Aber in den heute verbreiteten Browsern geht das leider nicht oder nur mit Umständen:
Für den Internet Explorer gibt es die auch sonst sehr nützliche AIS Web Accessibility Toolbar des National Information and Library Service (NILS) von Australien. Damit kann man sich das Inhaltsverzeichnis zumindest anzeigen lassen, auch wenn es leider nicht verlinkt ist und somit nicht für die Navigation innerhalb der Seite genutzt werden kann.
Für Mozilla und Firefox gibt es ein Plugin, das verlinkte Inhaltsverzeichnisse generiert. Man kann die einzelnen Ebenen dieses Inhaltsverzeichnissen ein- und ausklappen, und man kann über die Einträge direkt zu den entsprechenden Abschnitten in der Seite springen.
So sieht zum Beispiel das Inhaltverzeichnis der Startseite von bik-online.info aus:

Opera liefert kein Inhaltsverzeichnis, aber man kann immerhin per Tastatur von Überschrift zu Überschrift springen (mit s vorwärts, mit w rückwärts).
Wenn man erst mal nur sehen will, wie das Ganze gedacht ist, kann man auch den W3C-Validator verwenden. Wenn man dort die Option "Show Outline" anklickt, dann wird auch das Inhaltsverzeichnis der Seite angezeigt.
Aber das war es dann. Warum wird diese praktische Sache, die von Anfang an zu HTML gehört hat, so schlecht unterstützt? Ein Grund oder genauer gesagt ein Dilemma: Die meisten Anbieter von Seiten verwenden die Strukturelemente nicht, "also" müssen die Browser sie auch nicht anzeigen. Und umgekehrt.
Die meisten Screenreader dagegen unterstützen mittlerweile die Navigation über Strukturelemente. Man kann sich das Inhaltsverzeichnis vorlesen lassen und darüber Abschnitte gezielt ansteuern, oder von Überschrift zu Überschrift springen. Blinde Besucher profitieren also auf jeden Fall davon, dass einige Webseiten sich über ihre Struktur erschließen und handhaben lassen.
Die Strukturierung von Seiten kann jeder brauchen. Besonders wichtig ist sie, wenn die visuelle Ordnung der Seite nicht gut zugänglich ist oder überhaupt nicht zur Verfügung steht. Der Besucher kann dann über die Struktur den Inhalt der Seite überblicken und direkt auf einzelne Inhalte zugreifen.
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