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Wie der BITV-Test funktioniert

Der BITV-Test ist ein Verfahren für die umfassende und zuverlässige Prüfung der Barrierefreiheit von informationsorientierten Webangeboten.

Dies ist zusammen mit dem Verzeichnis der Prüfschritte und der Werkzeugliste die vollständige Beschreibung des Verfahrens:

1. Technische Voraussetzungen

Für die Durchführung des BITV-Tests wird ein Computer mit Internetzugang eingesetzt. Auf diesem Computer sind Programme für die Seitenauswahl und für die Bearbeitung einzelner Prüfschritte installiert. Benutzereinstellungen sind veränderbar, so kann beispielsweise die Javascript-Unterstützung ein- und ausgeschaltet werden. Der zu prüfende Webauftritt und ein geeignetes Werkzeug zur Erfassung der Prüfergebnisse können aufgerufen werden.

1.1. Programme für die Seitenauswahl

Ein wichtiger Bestandteil des BITV-Tests ist die eingehende Prüfung ausgewählter Seiten. Diese Seiten sollen repräsentativ sein, ihre Bewertung soll auf den gesamten Webauftritt übertragbar sein. Dafür müssen geeignete Seiten und Seitenzustände ausgewählt werden. Bei umfangreichen Webangeboten werden hierfür Programme eingesetzt, die zum Beispiel feststellen, auf welchen Seiten Formulare oder Tabellen sind, wo also die Einhaltung von Anforderungen an diese Elemente geprüft werden kann.

1.2. Programme für die Bearbeitung einzelner Prüfschritte

Für die Bearbeitung der einzelnen Prüfschritte werden spezielle Programme eingesetzt. Unterschiedliche Browser und diverse Prüfprogramme müssen auf dem Testrechner verfügbar sein. In der Werkzeugliste sind die Programme aufgelistet, die im Einzelnen eingesetzt werden.

Um einheitliche technische Prüfvoraussetzungen sicherzustellen, sind das einzusetzende Betriebssystem und die Versionsnummern der einzusetzenden Browser und Prüfprogramme festgelegt. In der Regel werden englischsprachige Programmversionen eingesetzt, Abweichungen sind der Werkzeugliste zu entnehmen.

Es ist zweckmäßig, neue Versionen von Browsern und Prüfprogrammen zu erproben und unterschiedliches Verhalten von Programmversionen zu ermitteln. Dies darf jedoch die Einheitlichkeit der technischen Prüfvoraussetzungen nicht in Frage stellen. Mindestens einer der beiden Prüfer eines Tandems (siehe Abschnitt 6.7) muss den Vorgaben daher ohne Einschränkung folgen.

1.3. Dokumentation der Prüfung

Der Prüfverlauf und die Prüfergebnisse werden dokumentiert. Die Dokumentation soll zeigen, wie die Prüfergebnisse zustande gekommen sind. Zur Dokumentation gehören daher nicht nur allgemeine Angaben zur Prüfung, sondern auch die Bewertungen einzelner Details. Prüfergebnisse sind allerdings nur so lange vollständig nachvollziehbar, wie die geprüften Seiten in gleicher Form existieren. Ein Abspeichern von Seiten, wie es in der Vergangenheit vorgesehen war, ist bei den häufig dynamischen Angeboten, die erst in der Kommunikation mit dfem Server generiert werden, nicht mehr möglich.

2. Rahmenbedingungen der Prüfung

Die meisten Anforderungen der BITV können nicht automatisch sichergestellt oder überprüft werden. Basis der Prüfung sind Einschätzungen von Experten. Dieser Abschnitt beschreibt die Rahmenbedingungen der Prüfung und die erforderliche Qualifikation der Prüfer.

2.1. Auswahl von Prüfern

Bei einem abschließenden BITV-Test (Tandemprüfung) müssen erster und zweiter Prüfer unterschiedlichen Prüfstellen angehören. 

Bei der Auswahl von Prüfern für einen abschließenden BITV-Test ist zu berücksichtigen, ob das zu prüfende Angebot zuvor in einem entwicklungsbegleitenden BITV-Test geprüft wurde. Ist das der Fall, darf der erste Prüfer des abschließenden Tests nicht identisch mit dem Prüfer des vorgängigen entwicklungsbegleitenden Tests sein.

2.2. Qualifikation des Prüfers

Die Qualifikation des Prüfers ist eine wichtige Bedingung für die richtige Anwendung des BITV-Tests. Der Prüfer ist mit den Grundlagen der HTML-Programmierung und mit geltenden Konzepten des barrierefreien Webdesigns vertraut. Er kennt das Verfahren des BITV-Tests und kann die 50 Prüfschritte des Tests sicher anwenden.

2.3. Vergleich von Bewertungen

Die Bewertungen vorangegangener Tests zeigen das Verständnis und die praktische Anwendung der Prüfschritte des BITV-Tests. Der Prüfer orientiert sich an diesen Bewertungen. Er hat hierfür Zugriff auf die im Rahmen von BITV-Tests vorgenommenen Bewertungen vorangegangener, abgeschlossener Prüfungen.

2.4. Abstimmung von Bewertungen

Damit Testergebnisse vergleichbar und wiederholbar sind, müssen die Prüfer ihre Bewertungsspielräume in gleicher Weise nutzen. Die organisatorische Grundlage dafür ist die Tandemprüfung (siehe Abschnitt 6.7) zum Abgleich von Bewertungen. Gleiche Prüfgegenstände werden mehreren Prüfern zur Bewertung vorgelegt, Unterschiede der Bewertung werden ermittelt und ausgewertet (siehe auch Abschnitt 2.6.).

2.5. Klärung im Team der Prüfer

Die Prüfer sind in ein Team zur Klärung offener, im Tandem nicht entschiedener Fragen eingebunden. Das Team prüft, ob Fragen (gemäß Abschnitt 6.4) auf Basis der vorliegenden Prüfanleitungen entschieden werden können. Wenn dies nicht der Fall ist, diskutiert das Team erforderliche Ergänzungen oder Korrekturen des Verfahrens.

Ergebnisse dieser Abstimmung im Team der Prüfer werden unter anderem in den Abschnitten mit "Fragen zu diesem Prüfschritt" der im Verzeichnis der Prüfschritte dokumentierten Prüfanleitungen festgehalten.

2.6. Statistische Auswertung

Eine statistische Auswertung aller Prüfungen misst für jeden Prüfer die Summe der Abweichungen (Betrag) zwischen den Ergebnis der Einzelprüfung und dem quailtätsgesicherten (und bei Tandemprüfungen zuvor abgestimmten) Endergebnis. Die Statistik zeigt auch, bei wie vielen und bei welchen Prüfschritten Abweichungen vorlagen und ob diese geringfügig oder erheblich waren.

Die Statistik hat vor allem den Zweck, Prüfer beim Erkennen und Korrigieren von Fehlern in der Anwendung des Tests zu unterstützen. Sie zeigt individuellen Qualifizierungsbedarf. Es geht aber nicht nur um individuelle Fehler: Abweichungen in der Bewertung zeigen oft auch einen allgemeinen Diskussionsbedarf im Prüferteam, etwa bei der Bewertung von neuen oder schwierig zu prüfenden Techniken.

Die Summe der Abweichungen über eine Reihe von Prüfungen hinweg bietet sich außerdem als quantitativer Anhaltspunkt für den Grad der Qualifikation der prüfenden Person. Der Wert nützt etwa bei der Einschätzung, ob Prüfer erfahren genug sind, selbstständig entwicklungsbegleitende Tests durchzuführen oder die Qualitätssicherung von Tests vorzunehmen.

3. Festlegung des Prüfgegenstands

Dieser Abschnitt beschreibt die Festlegung des Prüfgegenstandes. Sie erfolgt in Abstimmung mit dem Auftraggeber. Geklärt wird, was prinzipiell in die Prüfung einbezogen werden soll, für welche Webseiten das Ergebnis des BITV-Tests also gilt.

3.1. Bestandteile des Prüfgegenstandes

Was kann grundsätzlich einem zu prüfenden Webangebot zugerechnet werden, also Bestandteil des Prüfgegenstandes sein?

Werbung gehört nicht zum Prüfgegenstand, soweit sie deutlich vom redaktionellen Inhalt abgegrenzt ist und die Nutzung der eigentlichen Inhalte nicht beeinträchtigt.

Verlinkte Webseiten anderer Anbieter gehören ebenfalls nicht zum Prüfgegenstand. Vom Anbieter selbst veröffentlichte Fremdinhalte sind dagegen Bestandteile seines Webangebotes. Die "Historie" eines Inhalts ist also nicht entscheidend, sondern es kommt darauf an, wer den Inhalt im Web veröffentlicht hat. Der Anbieter, der zum Beispiel ein PDF-Dokument veröffentlicht, muß für seine Barrierefreiheit gerade stehen.

Auch Inhalte, die ursprünglich nicht für die Benutzung im Web vorgesehen waren, sind Bestandteile des Webangebotes. Denn wer Inhalte über das Web verbreitet, soll auch die (neuen) Möglichkeiten dieses Mediums nutzen.

Bestandteile des Prüfgegenstandes sind:

  • Foren, Kommentare von Lesern
  • integrierte Funktionen (etwa Suchfunktionen oder Wechselkursrechner)
  • PDFs (Broschüren zum Herunterladen, Materialien ...)
  • Daten in anderen Nicht-HTML-Formaten
  • historische, nicht mehr gepflegte Bereiche
  • Bereiche für spezielle Benutzergruppen (zum Beispiel für Kinder)
  • unterschiedliche Sprachversionen
  • Versionen für unterschiedliche Benutzergruppen
  • Multimediale Inhalte wie Online-Videos oder Audiodateien

Hinweis:
Nicht alle zum Prüfgegenstand gehörigen Seiten werden dann auch tatsächlich geprüft. Es gibt also zwei aufeinander folgende Abgrenzungen: zuerst die Festlegung des Prüfgegenstandes, dann die in Abschnitt 5 beschriebene Auswahl von für diesen abgegrenzten Prüfgegenstand repräsentativen Seiten.

Ein Beispiel, das den unterschiedlichen Stellenwert dieser beiden Schritte deutlich macht und auch zeigt, weshalb der Auftraggeber nur bei der Festlegung des Prüfgegenstandes und nicht bei der Auswahl zu prüfender Seiten mitreden kann:

Ein Webangebot enthält unter anderem eine kleine Anwendung für die Berechnung von Wechselkursen.

Wenn diese Anwendung zum Prüfgegenstand gehört, dann gilt die Gesamtbewertung des Webangebots auch für den Wechselkursrechner. Das muss im zweiten Schritt, bei der Auswahl der eingehend zu prüfenden Seiten bedacht werden: es ist schwierig, solche Anwendungen barrierefrei zu gestalten, es kann also gut sein, dass alle anderen Seiten des Webangebots gut zugänglich sind, der Wechselkursrechner aber nicht. Der Wechselkursrechner muss also auf jeden Fall mit geprüft werden.

Wenn die Anwendung nicht zum Prüfgegenstand gehört, ist klar: der Wechselkursrechner muss auch bei der Auswahl der zu prüfenden Seiten nicht berücksichtigt werden. Die Gesamtbewertung schließt ihn nicht ein. Wichtig ist dann nur, dass das Prüfergebnis nicht fälschlich auf das gesamte Webangebot bezogen wird. Es muss klar sein, was geprüft worden ist, die Einschränkung des Prüfgegenstandes gehört also zum Prüfergebnis.

3.2. Zulässige Abgrenzung des Prüfgegenstandes

Bei der Abgrenzung des Prüfgegenstandes geht es um Bereiche oder Inhalte, die prinzipiell (gemäß Abschnitt 3.1) dem Webangebot zuzurechnen sind, aber nicht mit geprüft werden sollen.

Umfangreiche Webangebote können in der Regel nicht in einem Schritt barrierefrei gemacht werden. Daher gibt es im Hinblick auf die Abgrenzung des Prüfgegenstandes zunächst kaum Einschränkungen: Teilbereiche von Webangeboten können geprüft werden, Teilbereiche oder besondere Elemente (zum Beispiel PDFs) können ausdrücklich von der Prüfung ausgenommen werden.

Nicht jede Abgrenzung ist zulässig: die Abgrenzung muss plausibel und akzeptabel sein. Das bedeutet: das eigentliche Angebot eines Webauftritts kann normalerweise nicht ausgeklammert werden, das zu prüfende Webangebot muss für sich (also ohne den ausgeklammerten Bereich) sinnvoll nutzbar sein.

3.3. Dokumentation des Prüfgegenstandes

Im Idealfall ist der Prüfgegenstand mit der Angabe der Adresse des zu prüfenden Webauftritts hinreichend klar festgelegt und abgegrenzt: Alle Seiten "unter" der Startadresse gehören dazu, das Erscheinungsbild des Webangebots ist einheitlich, die Sitemap zeigt, was zum Umfang des zu prüfenden Webangebotes gehört.

Oft ist die Abgrenzung des Prüfgegenstandes aber nicht so einfach. Es gibt (möglicherweise mit gutem Grund) Bereiche, die anders aussehen, aber trotzdem zum Prüfgegenstand gehören. Und der umgekehrte Fall: Es gibt Bereiche, die ein Besucher zum Webangebot rechnen würde, die aber nicht mitgeprüft werden sollen.

Falls nicht das gesamte Webangebot geprüft wird, muss die Abgrenzung des Prüfgegenstandes in der Prüfung selbst ausdrücklich festgelegt und dokumentiert werden.

Bei jeder Darstellung des Prüfergebnisses im Webangebot (etwa durch Nutzung des 90plus oder 95plus-Prüfsiegels) muss die Abgrenzung des Prüfgegenstandes klar sein. Es muss für Nutzer leicht nachvollziehbar sein, worauf sich ein Prüfsiegel bezieht und welche Bereiche des Webangebots ausgeklammert wurden.

4. Prüfbarkeit des Webauftritts

Im Zuge der Festlegung des Prüfgegenstandes wird auch geklärt, ob der Webauftritt überhaupt geprüft werden kann. Für die Prüfung mancher, etwa Flash-basierter, Webauftritte ist der BITV-Test als Prüfinstrument nicht geeignet.

4.1. Alternativversionen

Die BITV 2.0 lässt nur in Ausnahmefällen konforme Alternativversionen beim Einsatz nicht barrierefreier Techniken zu:

Ist die Erstellung eines barrierefreien Webangebots nach den technischen Standards der Anlage 1 für einzelne Teile nicht möglich, ist eine konforme Alternativversion auf gleicher Datenbasis zur Verfügung zu stellen, welche gleichwertige Funktionalitäten und Informationen von gleicher Aktualität enthält, soweit es die technischen Möglichkeiten zulassen.

Konforme Alternativversionen sind also nur für solche Angebote vorgesehen, die sich beim jeweiligen Stand der Technik nicht barrierefrei umsetzen kassen. Der BITV-Test prüft deshalb im Prüfschritt 2.4.8b Zweck der Alternativversion einleuchtend ob der Einsatz nicht barrierefreier Techniken unvermeidbar war.

Es gibt allerdings Angebote, in denen die Bereitstellung einer konformen und gleichwertigen Alternativversion gar nicht möglich ist, da HTML die benötigten Funktionen nicht bereitstellt.  Der BITV-Test ist dann auf solche Angebote nicht anwendbar, denn er enthält zur Zeit kein Verfahren zur Prüfung der Zugänglichkeit von Inhalten, die nicht auf der Basis von HTML hergestellt wurden (etwa Flash oder Silverlight).

Die beiden möglichen Konsequenzen:

  • Wenn nicht prüfbare Bereiche für die Benutzung des Webangebotes nicht wesentlich sind, dann kann der Prüfumfang entsprechend eingeschränkt werden. In der Beschreibung des Prüfgegenstandes muss dann vermerkt sein, dass der entsprechende Bereich nicht in die Prüfung eingeschlossen ist.
  • Wenn ein nicht prüfbarer Bereich ein wesentlicher Bestandteil ist, kann das Webangebot nicht geprüft werden.

4.2. Textversionen

Alternative Textversionen sind kein geeignetes Mittel für die Herstellung der Zugänglichkeit von Webauftritten. Webauftritte, die Textversionen sind, die also insgesamt als Alternativen für andere, "normale" Webauftritte gedacht sind und angeboten werden, können daher mit dem BITV-Test nicht geprüft werden.

Dagegen kann der BITV-Test auch auf Webauftritte mit Textversion angewendet werden. Gegenstand der Prüfung sind dann allerdings nicht die Seiten der Textversion, geprüft wird nur die "Normalversion". Und der Verweis auf eine spezielle Textversion für behinderte Besucher wird als Verstoß gegen das Gebot der Vermeidung nicht notwendiger Alternativversionen im Prüfschritt 2.4.8b negativ bewertet.

5. Seitenauswahl

Bei umfangreichen Webangeboten ist die vollständige Prüfung sämtlicher Seiten praktisch ausgeschlossen, sie wäre zu aufwendig. Für die Prüfung werden daher einzelne Seiten und Seitenzustände ausgewählt.

5.1. Ziel der Seitenauswahl

Die ausgewählten Seiten und Seitenzustände sollen repräsentativ sein: das Ergebnis ihrer Prüfung soll übertragbar sein und somit für den gesamten Webauftritt gelten.

Die Prüfung soll verschiedenartige Barrieren eines Webangebotes vollständig erfassen. Es geht also nicht darum, durchschnittliche Seiten für die Prüfung auszuwählen, sondern es gilt, versteckte Problembereiche aufzudecken. Andersartige Seiten können ausgewählt werden, auch wenn sie zahlenmäßig nicht ins Gewicht fallen.

Auswahlkriterium 1: Unabhängige Seitenauswahl

Die Seitenauswahl hat entscheidenden Einfluss auf das Prüfergebnis. Sie muß daher unabhängig sein, das heißt, sie kann vom Auftraggeber der Prüfung nicht vorgegeben oder mitbestimmt werden. Auch darf das Ergebnis des Auswahlverfahrens für Außenstehende nicht vorhersehbar sein.

5.2. Anzahl der Seiten

Die Anzahl der auszuwählenden Seiten richtet sich nach der Komplexität des Angebots, also der Anzahl unterschiedlicher Seitentypen. Die Minimalanzahl bei einfachen, kleinen und einheitlich gestalteten Webangeboten sind drei Seiten, bei komplexen Angeboten können es auch 5, 6 oder mehr Seiten sein. Auf dieser Basis ist eine recht sichere Aussage über die Barrierefreiheit des gesamten Webangebots möglich.

Auswahlkriterium 2: Unterschiedliche Seitentypen einbeziehen

Anders, wenn die Seiten des Webauftritts nicht einheitlich gestaltet sind. Dies betrifft die unterschiedlichen Templates eines bestimmten Webdesigns, die in der Seitenauswahl berücksichtigt werden sollen. Unterschiedliche Seitentypen gibt es aber auch dann, wenn der Webauftritt nur zum Teil auf ein neues Design umgestellt worden ist oder mehrere eigenständige Bereiche zusammenfasst. Bereiche des Webauftritts sind dann zu unterschiedlichen Zeiten bearbeitet worden, unterschiedliche Werkzeuge wurden verwendet, das Personal hat gewechselt oder die Zielvorgaben waren nicht gleich. Von der Zugänglichkeit einzelner Seiten kann daher nicht auf die Zugänglichkeit des Webauftritts, sondern nur auf die Zugänglichkeit des jeweiligen Bereichs geschlossen werden. In diesem Fall werden weitere Seiten für die eingehende Prüfung ausgewählt (oder der Prüfgegenstand wird eingeschränkt).

Die folgenden Fragen können bei der Ermittlung der Einheitlichkeit des Webangebotes helfen:

  • Wann wurde die Website zuerst veröffentlicht? Gibt es noch Bereiche, die aus dieser Zeit stammen?
  • Gibt es Bereiche zu abgeschlossenen Projekten, die nicht mehr gepflegt werden?
  • Wann wurde die Website zuletzt überarbeitet? Wurden alle Seiten des Webangebotes in die Überarbeitung einbezogen?
  • Wer hat das jetzige Design entwickelt? Folgen alle Seiten des Webangebotes diesem Design? Sind oder waren andere Agenturen beteiligt?
  • Welches CMS wird eingesetzt? Werden alle Seiten des Webangebotes über dieses CMS gepflegt? Sind Datenbanken eingebunden?
  • Wer ist für die Pflege der Inhalte verantwortlich? Gibt es unterschiedliche Verantwortungsbereiche? Sind Fremdinhalte in das Webangebot integriert?

Auch bei Webanwendungen werden unter Umständen mehr Seiten oder Ansichten ausgewählt. Generell gilt: Eine Obergrenze für die Zahl zu prüfender Seiten gibt es nicht. Je mehr Seiten für die eingehende Prüfung ausgewählt werden, desto sicherer ist der Schluss vom Ergebnis der Prüfung einzelner Seiten auf die Zugänglichkeit des gesamten Webauftritts.

5.3. Festlegung von Seitenzuständen

Viele moderne Webangebote erzeugen Seiteninhalte dynamisch – sei es, dass bestimmte Bereiche versteckt und bei Fokussierung oder Auswahl eingeblendet werden, sei es, dass sie über JavaScript nach dem Laden des Ausgangszustands später nachgeladen und angezeigt werden, etwa bei dynamisch erzeugten Fehlermeldungen oder Live-Inhalten. Die Seitenauswahl beinhaltet also auch die Aufgabe, mit den Seiteninhalten zu interagieren, um zusätzliche Zustände aufzuspüren, festzulegen und miteinzubeziehen.

Auswahlkriterium 3: Unterschiedliche Seitenzustände einbeziehen

Bei Seiten, die verschiedene Zustände skriptgesteuert anzeigen, sollten zusätzliche repräsentative Zustände festgelegt und mitgeprüft werden. Dies betrifft etwa Einfügungen von zuvor versteckten Bereichen oder die Einblendung zusätzlicher Elemente (etwa als Lightbox).

Bei Webanwendungen, in denen eine Abfolge zusammengehöriger Schritte auf derselben Seite einen Prozess bilden, wird der Prozess schrittweise beschrieben. Wie die zu prüfenden Zustände und Prozesse hervorgerufen werden, wird in der Seitenauswahl beschrieben. Prozesse sollen vollständig einbezogen werden. Die bedeutet nicht, dass gleichartige Seiten, die sich während der Prozessschritte nur unwesentlich ändern, als eigene Seiten in die Seitenauswahl einbezogen werden. Wenn jedoch als Teil des Prozesses neue Inhalte auftauchen, etwa nutzerdefinierte Bedienelemente oder Lightboxen, müssen diese in die Prüfung mit einbezogen werden, um alle potentiellen Barrieren eines Prozesses zu erfassen.

Zusätzlich festgelegte Zustände und Prozesse werden in der Seitenauswahl klar benannt (also durchnummeriert oder beziffert), damit auf sie bezogene Prüfkommentare und Bewertungen klar zugeordnet werden können.

Wenn zusätzliche Zustände die Seiteninhalte wesentlich verändern, können sie auch als weitere zu prüfende Seite definiert werden. Wie der Zustand aufgerufen wird, wird dann in der Seitenauswahl beschrieben.

Wenn zusammengehörige Prozesse (etwa Bestellungen oder Spendenprozesse) sich über mehrere Seiten erstrecken, gilt die Regel, dass der gesamte Prozess barrierefrei sein muss (siehe WCAG 2.0 Conformance Requirements: Complete processes). Dennoch muss nicht jede einzelne Seite eines Prozesses in die Seitenauswahl hineingenommen werden. Bei der Seitenauswahl besteht stattdessen die Aufgabe, vor Beginn der eigentlichen Prüfung kritische Punkte zu identifizieren und die entsprechenden Seiten in die Seitenauswahl mit aufzunehmen. Sie stehen dann stellvertretend für den gesamten Prozess.

5.4. Kriterien der Seitenauswahl

Drei Kriterien der Auswahl sind bereits genannt: Das Ergebnis der Auswahl soll unabhängig, also nicht vorhersehbar sein; verschiedene Seitentypen sollen in der Auswahl vertreten sein; bei Seiten mit dynamischen Zustandsänderungen sollen diese als zusätzlich zu prüfende Zustände oder Prozesse definiert werden.

Kriterium 4: Stellenwert für die Benutzbarkeit des Webangebotes

Das vierte Auswahlkriterium ist der Stellenwert einer Seite für die gesamte Nutzbarkeit des Webangebotes. Seiten, die für die Nutzbarkeit des gesamten Angebotes kritisch sind, sollen auch in der Auswahl gut vertreten sein.

  • Die Startseite wird immer für den Test ausgewählt, denn viele Besucher kommen über die Startseite oder nutzen diese, um zu anderen Bereichen des Angebots zu gelangen. Wenn sie nicht zugänglich ist, hat das gravierende Auswirkungen auf die Zugänglichkeit des gesamten Webauftritts.
  • Dasselbe gilt für vor der eigentlichen Startseite des Webangebotes angeordnete Intro-Seiten.
  • Bei Webanwendungen (Shops, Fahrplanauskunft) sind alle Schritte (Ansichten oder Seiten) des vorgesehenen Gesamtablaufs kritisch: wenn der Benutzer die allgemeinen Geschäftsbedingungen nicht lesen oder nicht bestätigen kann, ist der Shop insgesamt unbenutzbar.

Kriterium 5: Funktion von Seiten

Das vierte Auswahlkriterium ist die Funktion von Seiten. Denn auch aus der besonderen Funktion ergeben sich unterschiedliche Gestaltungen und unterschiedliche Anforderungen an die Barrierefreiheit. Je nach Typ des Webangebotes kommen in Frage:

  • wiederum die Intro-Seiten, die häufig ohne Zutun des Benutzers Aktionen (zum Beispiel eine automatische Weiterleitung) starten,
  • wiederum die Startseite, die in der Regel eine Vielzahl von unterschiedlichen Informationsangeboten auf einen Blick zeigen soll
  • erschließende Überblicksseiten bei hierarchisch aufgebauten Webangeboten
  • "tiefe" Seiten mit Inhaltsangeboten (Artikel, Abbildungen, Listen, Video- oder Audio-Dateien)
  • Seiten mit längeren, gliederungsbedürftigen Texten
  • Seiten mit interaktiven Elementen (Kontakt, Suche)

Dies sind also die fünf Kriterien der Seitenauswahl:

  1. Die Auswahl soll nicht vorhersehbar sein,
  2. unterschiedlich Seitentypen sind einzubeziehen,
  3. unterschiedliche Seitenzustände sind einzubeziehen,
  4. kritische Seiten sollen einbezogen werden,
  5. Seiten mit unterschiedlichen Funktionen sollen einbezogen werden.

Die fünf Kriterien überlagern sich, ein einfaches Schema für die richtige Seitenauswahl gibt es nicht. Gut gelungen ist die Seitenauswahl, wenn mit einer nicht zu umfangreichen Anzahl ausgewählter Seiten alle wesentlichen Schwachstellen des Webangebotes erfasst worden sind.

5.5. Prüfung einzelner Elemente

Mit den für die Prüfung ausgewählten Seiten sollen auch alle Elementtypen wie zum Beispiel Tabellen oder Formulare in die Prüfung einbezogen sein. Wenn dies nicht der Fall ist oder wenn im Zuge der Sichtung des Webangebotes problematisch ausgeführte Elemente entdeckt werden, können Seiten auch für die gezielte Prüfung der Zugänglichkeit einzelner Elemente ausgewählt werden. Zwei Fälle, in denen dieses Sinn macht:

  • Mit den für die manuelle Prüfung ausgewählten Seiten ist ein bestimmter Elementtyp nicht abgedeckt. Sie enthalten zum Beispiel keine Datentabellen. Im Zuge der Sichtung des Webauftrittes ist aber eine Seite mit Datentabellen gefunden worden. Abgesehen von der Datentabelle weist die Seite keine Besonderheiten auf, sie ähnelt bereits ausgewählten Seiten. Daher wird sie nur für die gezielte Prüfung des Elementes Datentabelle dazugenommen. Nur die Prüfschritte, die sich auf Datentabellen beziehen, werden für die Seite angewendet.
  • Die für die manuelle Prüfung ausgewählten Seiten enthalten Datentabellen. Die Anforderungen an Datentabellen sind für diese Seiten erfüllt. Zufällig ist der Prüfer aber auf eine andere Seite gestoßen, auf der Datentabellen offenkundig nicht richtig ausgezeichnet sind. Auch in solchen Fällen werden weitere Seiten für die gezielte Prüfung des fraglichen Elements dazugenommen.

5.6. Identifikation der Seiten

Damit Bewertungen nachvollziehbar sind, muss klar sein, auf welche Seiten des Webangebotes sie sich beziehen. Die für die Prüfung ausgewählten Seiten müssen daher (im originalen Webangebot) zu identifizieren sein. Im Regelfall reicht hierfür die Angabe der URL. Schwieriger ist die "Quellenangabe" bei dynamisch generierten Seitenzuständen oder bei Seiten, die auf der Grundlage von Benutzereingaben erzeugt werden. Das sind zum Beispiel Bestellbestätigungen oder Fehlermeldungen. Bei solchen Ansichten oder Seiten werden die Eingaben, die zur Erzeugung der geprüften Seiten geführt haben, festgehalten und im Prüfbericht dokumentiert. Auch Frame-Seiten können unter Umständen nicht einfach über die Angabe einer URL abgerufen werden, die erforderlichen Benutzereingaben und Auswahlschritte müssen festgehalten werden.

Das Verfahren: Ausgehend von der Startseite werden die Auswahlschritte aufgelistet, die zu der geprüften Seite geführt haben. Beispiel:

  • Auf der Startseite den Reiter "Bücher" auswählen
  • in der mit "Suche nach" bezeichneten Auswahlliste den Listeneintrag "Autoren" auswählen und "starten"
  • den Autor "Chandler" auswählen
  • die Schaltfläche "Einkaufswagen" neben dem Buch "Nevada-Gas" anklicken

Das Gleiche gilt für die Dokumentation der Erzeugung von zusätzlichen Seitenzuständen, die in die Prüfung mit einbezogen werden (vergleiche Abschnitt 5.3. Festlegung von Seitenzuständen).

5.7. Kopien der ausgewählten Seiten

Webangebote werden laufend verändert, die Prüfung ist nur eine Momentaufnahme. Auch erzeugt die Prüfung selbst Änderungsbedarf: in der Prüfung ermittelte Barrieren sollen behoben werden.

Prinzipiell würde es deshalb Sinn machen, den Zustand der geprüften Seiten zum Zeitpunkt der Prüfung zu dokumentieren, also Kopien dieser Seiten anzulegen. Da viele Seiten jedoch zunehmend servergenerierte Inhalte anzeigen, die sich in einer Seitenkopie nicht mehr wiederfinden, ist diese Praxis nicht länger sinnvoll.

Mit dem BITV-Test bewertete Webangebote können unter http://testen.bitvtest.de angesehen werden.

6. Prüfung

Dieser Abschnitt beschreibt den Rahmen der eigentlichen Prüfung: zwei Prüfer bewerten parallel die Erfüllung der in den 50 Prüfschritten gefassten Prüfanforderungen und gleichen ihre Bewertungen im Anschluss ab.

Grundlage für die Bewertung ist das im Verzeichnis der Prüfschritte festgelegte Verfahren. Die Prüfschritte können unabhängig voneinander bewertet werden, eine feste Reihenfolge für die Bearbeitung der Prüfschritte gibt es nicht.

6.1. Prüfgegenstand (einzelne Seite oder Webauftritt)

Die meisten Prüfschritte beziehen sich auf Merkmale einzelner Seiten. Sie können für einzelne Seiten eines Webauftritts erfüllt sein und für andere nicht. Diese Prüfschritte müssen auf alle für die Prüfung ausgewählten Seiten einzeln angewendet werden.

Beispiel:
Auf verschiedenen Seiten eines Webangebotes werden tabellarische Daten angezeigt. Es kann sein, dass diese Daten unterschiedlich ausgezeichnet sind, die Seiten müssen daher einzeln geprüft werden.

Einige Prüfschritte beziehen sich allerdings nicht auf bestimmte Seiten, sondern auf den gesamten Webauftritt. Prüfschritte, die sich auf den Webauftritt als Ganzen beziehen, sind:

Bei diesen Prüfschritten gibt es nur eine Bewertung, die für alle ausgewählten Seiten und für den Webauftritt als Ganzes gilt. Sie werden vorab, im Zuge der Klärung der Prüfbarkeit des Webauftritts (Abschnitt 4) und der Auswahl von Seiten (Abschnitt 5) bearbeitet.

6.2. Anwendbarkeit

Die meisten Prüfschritte sind nur unter bestimmten Voraussetzungen anwendbar. Prüfschritt 3.3.2a Formularfelder richtig beschriftet ist zum Beispiel nur anwendbar, wenn der zu prüfende Webauftritt ein Formular enthält, etwa für die Sucheingabe. Zunächst ist daher zu klären, ob ein Prüfschritt auf die zu prüfende Seite oder auf den Webauftritt anwendbar ist.

Die folgenden Prüfschritte sind stets anwendbar:

Bei allen anderen Prüfschritten ist die Anwendbarkeit individuell festgelegt. Sie ist nach dem im Verzeichnis der Prüfschritte vorgegebenen Verfahren zu ermitteln.

Hinweis:
Prüfschritt 3.1.2b Anderssprachige Wörter ausgezeichnet ist als stets anwendbar definiert, da die Vermeidung anderssprachiger Wörter als Alternative der Erfüllung des Prüfschritts bewertet werden soll.

6.3. Bewertungsalternativen

Für anwendbare Prüfschritte erfolgt anschließend die eigentliche Bewertung des Prüfschritts. Für insgesamt 3 Prüfschritte sind nur die beiden Bewertungsalternativen "erfüllt" und "nicht erfüllt" vorgegeben:

Für alle anderen Prüfschritte sind die Bewertungsalternativen "erfüllt", "eher erfüllt", "teilweise erfüllt", "eher nicht erfüllt" und "nicht erfüllt" vorgegeben.

Die Ermittlung der Bewertungsalternative folgt dem im Verzeichnis der Prüfschritte für den betreffenden Prüfschritt beschriebenen Verfahren.

Hinweise:

  • Auch die drei Prüfschritte, für die nur zwei Bewertungsalternativen vorgesehen sind, können im Gesamtergebnis als "eher erfüllt", "teilweise erfüllt" oder "eher nicht erfüllt" bewertet werden. Denn die Gesamtbewertung für den Prüfschritt ergibt sich aus dem rechnerischen Durchschnitt der Bewertungen für einzelne Seiten.

6.4. Bewertung

Grundlage der Bewertung sind:

  1. die Zweckbestimmung der zu prüfenden Anforderung,
  2. das im Verzeichnis der Prüfschritte festgelegte Prüfverfahren und
  3. die bisherige Bewertungspraxis (siehe Abschnitt 2.3).

6.5. Abwertung (des Gesamtergebnisses)

Dass die Anforderungen eines Prüfschritts nicht erfüllt sind, kann sehr unterschiedliche Auswirkungen haben. Möglicherweise ist die praktische Nutzbarkeit des Webangebots nur geringfügig einschränkt, weil nur ein kleiner Unterbereich der Website betroffen ist oder die betreffenden Inhalte auch anders abrufbar sind. Derselbe Mangel kann aber auch dazu führen, dass eine Seite für bestimmte Zielgruppen vollkommen unbenutzbar ist.

Um dies angemessen zu berücksichtigen, sieht der BITV-Test die Möglichkeit der Abwertung des Gesamtergebnisses vor: Die Bewertung einzelner Prüfschritte schlägt sich direkt auf die Gesamtbewertung des zu prüfenden Webangebotes nieder.

Wenn die Anforderung des Prüfschritts für eine bestimmte Seite nicht erfüllt ist, muss der Prüfer also entscheiden, ob die Auswirkungen auf die Nutzbarkeit des gesamten Webauftritts erheblich sind (vergleiche auch Abschnitt 9.4).

6.6. Anmerkungen zur Bewertung

Die Ergebnisse der Prüfung sollen für Dritte im Detail nachvollziehbar und nachprüfbar sein. Damit dies möglich ist, werden Bewertungen gegebenenfalls mit Anmerkungen versehen. Insbesondere in zwei Fällen sind solche Anmerkungen erforderlich:

  1. Das Element, um das es bei dem Prüfschritt geht, kommt auf der Seite mehrfach vor. Für einige dieser Elemente ist der Prüfschritt erfüllt, für andere nicht. Aus der Anmerkung geht dann hervor, auf welches Element sich die Bewertung bezieht.
  2. Die Bewertung ist erläuterungsbedürftig. Das Prüfverfahren kann nicht wie vorgesehen angewendet werden, die Seite weist Besonderheiten auf, die im Verfahren nicht berücksichtigt sind.

6.7. Abgleich von Bewertungen

Der BITV-Test kann für entwicklungsbegleitende oder für abschließende Prüfungen eingesetzt werden. Der wichtigste Unterschied dieser beiden Prüfungen: die entwicklungsbegleitende Prüfung kann von einem einzigen Prüfer durchgeführt werden, in der abschließenden Prüfung werden stets zwei Prüfer eingesetzt. Dadurch (und durch andere begleitende Maßnahmen zur Qualitätssicherung) wird die erforderliche Zuverlässigkeit und Vergleichbarkeit abschließender Prüfungen sichergestellt.

Die manuell zu bewertenden Prüfschritte werden grundsätzlich von zwei Prüfern unabhängig voneinander bearbeitet. Nach Abschluss der unabhängigen Bewertung sämtlicher Prüfschritt gleichen die Prüfer ihre Bewertungen ab. Kommen die Prüfer für einen Prüfschritt nicht zu einer gemeinsamen Bewertung, wird der zu bewertende Fall dem Team der Prüfer (siehe Abschnitt 2.5) zur Entscheidung vorgelegt. Das Ergebnis des Abgleichs ist die gültige Bewertung.

Die abgeglichenen, von beiden Prüfern getragenen Bewertungen und Anmerkungen gehen in den Prüfbericht ein.

7. Auswertung

Auf Basis der einzelnen Bewertungen wird die Gesamtbewertung für einzelne Prüfschritte, für zur Prüfung ausgewählte Seiten und für den Webauftritt als Ganzen automatisch berechnet. Dieser Abschnitt erläutert das Berechnungsverfahren.

7.1. Gesamtbewertung für einzelne Prüfschritte

Die Gesamtbewertung für einzelne Prüfschritte errechnet sich aus dem Durchschnitt der Bewertungen für einzelne Seiten. Bei Prüfschritten, die auf den Webauftritt als Ganzen anzuwenden sind, entfällt dieser Schritt, ebenso bei auf keine Seite anwendbaren Prüfschritten.

Für die Berechnung der Gesamtbewertung eines Prüfschritts werden nur Seiten berücksichtigt, auf die der Prüfschritt anzuwenden war. Die Bewertungen dieser Seiten werden in Prozentwerte übertragen und addiert. Die Summe wird durch die Anzahl der Seiten geteilt, auf die der Prüfschritt anzuwenden war. Aus diesem Ergebnis wird die Bewertung des Prüfschritts ermittelt.

Übertragung der Bewertungen in Prozentwerte:

BewertungProzentwert
erfüllt100 %
eher erfüllt75 %
teilweise erfüllt50 %
eher nicht erfüllt25 %
nicht erfüllt0 %

Ermittlung der Bewertung des Prüfschritts aus dem Durchschnitt der Prozentwerte:

Durchschnitt der ProzentwerteBewertung
100 %erfüllt
62,5 bis < 100 %eher erfüllt
37,5 bis < 62,5 %teilweise erfüllt
12,5 bis < 37,5 %eher nicht erfüllt
darunternicht erfüllt

Beispiel:

  • 5 Seiten wurden geprüft.
  • Auf 2 dieser Seiten war der Prüfschritt nicht anwendbar.
  • Auf 2 Seiten wurde er als eher nicht erfüllt bewertet.
  • Auf einer Seite wurde er als nicht erfüllt bewertet.

Für die Gesamtbewertung werden nur die drei Seiten berücksichtigt, auf die der Prüfschritt anwendbar war. Die Summe der Prozentwerte beträgt also 2 * 25% + 1 * 0 % = 50%. Der durchschnittliche Prozentwert beträgt 50% geteilt durch 3 = 16,6%. Dieser Prozentwert liegt im Bereich 12,5 bis unter 37,5 %. Der Prüfschritt wird also insgesamt als "eher nicht erfüllt" bewertet.

Hinweise:

  • Das Gesamtergebnis "erfüllt" kann nicht durch Aufrundung erreicht werden. Ein Prüfschritt wird nur dann als insgesamt erfüllt bewertet, wenn er für alle geprüften Seiten erfüllt (oder nicht anwendbar) ist.
  • In die Gesamtbewertung von Prüfschritten werden nur Seiten einbezogen, auf die der Prüfschritt auch anwendbar ist. Denn die Prüfung soll nicht die durchschnittliche Barrierefreiheit der Seiten eines Webauftritts ermitteln, sondern klären, ob bestimmte Arten von Barrieren in einem Webauftritt vorhanden sind oder nicht. Zur Verdeutlichung des Unterschiedes:

    Wenn es darum ginge, die durchschnittliche Barrierefreiheit eines Webangebots zu ermitteln, dann könnte die mangelhafte Ausführung einer Datentabelle dadurch relativiert werden, dass andere Seiten keine Datentabellen aufweisen. Je seltener das mangelhaft ausgeführte Element vorkäme, desto besser wäre die Bewertung des Webangebotes.

7.2. Gesamtbewertung für den Webauftritt

Für die Gesamtbewertung des Webauftritts werden die gewichteten Bewertungen der 50 Prüfschritte addiert.

7.2.1. Gewichtung der Prüfschritte

Alle Prüfschritte sind gewichtet. Entsprechend ihrem Gewicht tragen die einzelnen Prüfschritte zum Gesamtergebnis bei. Es gibt Prüfschritte mit niedrigem, mittlerem und hohem Gewicht.

  • Insgesamt 16 Prüfschritte sind hoch gewichtet. Diese Prüfschritte können jeweils maximal drei Punkte zum Gesamtergebnis beitragen. (Liste der hoch gewichteten Prüfschritte: Abschnitt 9.1
  • Insgesamt 21 Prüfschritte haben eine mittlere Gewichtung. Diese Prüfschritte können jeweils maximal zwei Punkte zum Gesamtergebnis beitragen. (Liste der Prüfschritte mit mittlerer Gewichtung: Abschnitt 9.2
  • Insgesamt 13 Prüfschritte sind niedrig gewichtet. Diese Prüfschritte können jeweils maximal einen Punkt zum Gesamtergebnis beitragen. (Liste der niedrig gewichteten Prüfschritte: Abschnitt 9.3)

Gesichtspunkte der Gewichtung von Prüfschritten sind:

  • die Gewichtung in den der BITV zugrundeliegenden WCAG
  • die angemessene Berücksichtigung der Anforderungen verschiedener in der BITV berücksichtigter Zielgruppen
  • die ausgewogene Berücksichtigung von Standardkonformität und praktischer Nutzbarkeit
  • die Zuverlässigkeit der Prüfung
  • die Verantwortlichkeit (Anforderungen, die an sich von Autorensystemen oder Benutzeragenten erfüllt werden sollten, sind in der Tendenz geringer gewichtet)

Hinweis:
Für die Gewichtung nicht relevant ist die Häufigkeit des Vorkommens bestimmter Barrieren. Ebenfalls nicht relevant ist die leichte Behebbarkeit von Barrieren.

7.2.2. Bewertung

Die Punktwerte (Gesamtbewertungen) der einzelnen Prüfschritte werden addiert. Nicht anwendbare Prüfschritte werden als erfüllt gerechnet.

Maximal können 100 Punkte erreicht werden. 100 Punkte werden erreicht, wenn sämtliche Prüfschritte erfüllt oder nicht anwendbar sind.

Ermittlung der Gesamtbewertung aus der Summe der Punktwerte:

Verhältnis zwischen Punkten und Bewertungen:

PunkteBewertung
95sehr gut zugänglich
90gut zugänglich
80eingeschränkt zugänglich
darunterschlecht zugänglich

Hinweis:
Nicht anwendbare Prüfschritte werden bei der Ermittlung des Gesamtergebnisses für das Webangebot wie erfüllte Prüfschritte gerechnet. Denn der Gegenstand der Prüfung ist nicht die besondere Schwierigkeit der Erstellung eines barrierefreien Webangebotes. Ein einfaches, überwiegend textbasiertes Webangebot kann die Anforderungen des Tests vergleichsweise leicht erfüllen. Denn viele Anforderungen sind nicht anwendbar.

7.2.3. Abwertung

Webauftritte, die für in der BITV bedachte Zielgruppen überhaupt nicht nutzbar sind, sollen im BITV-Test insgesamt kein gutes Ergebnis haben. Daher ist generell die Möglichkeit der Abwertung des gesamten Angebots vorgesehen (siehe Abschnitt 9.4).

Hinweis:
Schon ein einziger Prüfschritt kann (bei erheblichen Konsequenzen für die Nutzbarkeit des Webangebotes) zur Abwertung des Gesamtergebnisses führen. Abwertungen können daher mit sehr guten Ergebnissen nach Punkten einhergehen.

7.3. Bewertung für einzelne Seiten

Um gegebenenfalls Unterschiede der Barrierefreiheit geprüfter Seiten deutlich zu machen, werden auch Gesamtbewertungen der einzelnen für die Prüfung ausgewählten Seiten berechnet (und im Prüfbericht aufgelistet).

Hierfür werden die gewichteten Bewertungen der 50 Prüfschritte addiert.

Das Verfahren entspricht der Berechnung der Gesamtbewertung des Webauftrittes. Der Unterschied: nicht die Gesamtbewertungen der 52 Prüfschritte, sondern die Bewertungen für die jeweilige einzelne Seite werden addiert.

Die Bewertungen von Prüfschritten, die auf den Webauftritt als Ganzen anzuwenden sind (siehe Abschnitt 6.1), gelten für alle Seiten. Sie werden daher zu den Bewertungen der Seite dazu gerechnet. Wie für das Webangebot als Ganzes kann also auch für jede einzelne geprüfte Seite ein Gesamtergebnis von maximal 100 Punkten erreicht werden. Einzelne Seiten, deren Prüfung zur Abwertung geführt hat, sind als eingeschränkt oder schlecht zugänglich zu bewerten.

Hinweis:
Die Gesamtbewertung eines Webauftrittes basiert wie die Bewertung einzelner Seiten auf den Bewertungen der einzelnen Prüfschritte. Prüfschritte sind häufig nur für einen Teil der Seiten eines Webauftrittes anwendbar. Mängel verschiedener Seiten addieren sich dann im Gesamtergebnis. Die Gesamtbewertung des Webauftrittes fällt daher häufig deutlich schlechter aus als die durchschnittliche Bewertung der einzelnen geprüften Seiten.

Siehe hierzu auch die Antwort auf die Frage:
Kann das Gesamtergebnis schlechter sein, als das Ergebnis der einzelnen Seiten?

8. Prüfbericht

Der Prüfbericht enthält alle Ergebnisse des BITV-Tests, nach geprüften Seiten und nach Prüfschritten geordnet. So kann der Betreiber des Webauftritts leicht sehen, wo Verbesserungen erforderlich sind. Aber auch für Fachleute oder für Benutzer sind die Ergebnisse und ihr Zustandekommen nachvollziehbar.

Die Nachvollziehbarkeit der Prüfergebnisse ist auch ein wichtiges Mittel, um die Qualität von Prüfungen sicherzustellen. Fragwürdige Bewertungen können aufgedeckt und korrigiert werden.

8.1. Inhalte des Prüfberichts

Der Prüfbericht wird auf Basis der Ergebnisse des BITV-Tests automatisch generiert. Kern des Berichts sind die Ergebnisse der einzelnen Prüfschritte. Zu jedem Prüfschritt wird angegeben, welche Seiten wie bewertet worden sind, die Kommentare zu den einzelnen Bewertungen werden ebenfalls ausgegeben.

Bestandteile des Prüfberichts sind

  • Datum oder Zeitraum der Prüfung
  • Name des Prüfers und der Prüfstelle
  • Angaben zur Bestimmung des Prüfgegenstandes (Startadresse, von der Prüfung ausgenommene Bereiche oder Elemente des Webangebotes)
  • Auflistung der geprüften Seiten, Angaben zu mitgeprüften Seitenzuständen, gegebenenfalls Erläuterungen zur Auswahl und zur Identifikation der ausgewählten Seiten
  • Gesamtergebnis der Prüfung (Punkte und Bewertung)
  • Ergebnisse zu einzelnen geprüften Seiten (Punkte und Bewertung)
  • Ergebnisse zu einzelnen Prüfschritten (Gesamtbewertung des Prüfschrittes, gegebenenfalls davon abweichende Bewertungen des Prüfschrittes für einzelne Seiten, Anmerkungen des Prüfers zum Prüfschritt und zur Bewertung einzelner Seiten)
  • Verweis auf die Beschreibung des Prüfverfahrens

8.2. Veröffentlichung von Prüfergebnissen

Prüfberichte können veröffentlicht werden. Eine Veröffentlichung darf nur vollständig erfolgen, allen Angaben des Prüfberichts müssen eingeschlossen werden.

Bestandteil des Gesamtergebnisses ist die hinreichend klare Angabe des Prüfgegenstandes. Wenn das Webangebot nur teilweise geprüft worden ist, wenn also zum Beispiel bestimmte Bereiche von der Prüfung ausgenommen worden sind, dann muss das angegeben werden. Dort, wo (zum Beispiel mit einem Prüfzeichen) über das Prüfergebnis informiert wird, steht dann zum Beispiel:

  • Nicht in die Prüfung eingeschlossen war die Barrierefreiheit der PDF-Dokumente
  • Nicht in die Prüfung eingeschlossen war der Bereich "Materialien"

9. Gewichtungen, Abwertung

9.1. Hohe Gewichtung (3 Punkte)

Insgesamt 14 Prüfschritte sind hoch gewichtet. Diese Prüfschritte können jeweils maximal drei Punkte zum Gesamtergebnis beitragen.

9.2. Mittlere Gewichtung (2 Punkte)

Insgesamt 22 Prüfschritte haben eine mittlere Gewichtung. Diese Prüfschritte können jeweils maximal zwei Punkte zum Gesamtergebnis beitragen.

9.3. Niedrige Gewichtung (1 Punkt)

Insgesamt 14 Prüfschritte sind niedrig gewichtet. Diese Prüfschritte können jeweils maximal einen Punkt zum Gesamtergebnis beitragen.

9.4. Möglichkeit der Abwertung

Bei allen Prüfschritten kann das Gesamtergebnis auf "eingeschränkt zugänglich", "schlecht zugänglich" oder auf "nicht zugänglich" abgewertet werden. Voraussetzung ist sowohl ein "nicht erfüllt" für den betreffenden Prüfschritt als auch die Einschätzung, dass die Nichterfüllung des Prüfschritts schwerwiegend ist.

Die Abwertung wird unabhängig vom Punktstand vorgenommen. Es können also Angebote zusätzlich abgewertet werden, die ohnehin nach Punktergebnis als "schlecht zugänglich" eingestuft werden, ebenso aber auch Angebote, die nach Punktergebnis als "gut zugänglich" oder sogar "sehr gut zugänglich" bewertet werden würden, aber einen bestimmten schwerwiegenden Mangel aufweisen.

Kandidaten für eine Abwertung des gesamten Angebots wären etwa:

  • ein Angebot, das dem Nutzer wesentliche Teile nur nach Eingabe eines Bild-CAPTCHAs ohne Alternative zugänglich macht (Abwertung bei Prüfschritt 1.1.1d Alternativen für CAPTCHAs)
  • ein Angebot mit wichtigen informationsorientierten Videos, die generell ohne Untertitel oder Transkription angeboten werden (Abwertung bei Prüfschritt 1.2.2a Videos mit Untertiteln)
  • Ein Angebot mit einer Tastaturfalle in der Hauptnavigation, die es schwierig oder unmöglich macht, Seiteninhalte mit der Tastatur zu erreichen (Abwertung von Prüfschritt 2.1.1a Ohne Maus nutzbar)
  • Ein Deutsch-Englisch-Online-Wörterbuch, welches englische Wörter generell nicht mit Sprachauszeichnung versieht (Abwertung bei Prüfschritt 3.1.2b Anderssprachige Wörter ausgezeichnet)
  • Ein Angebot, dass per Skript die Fokushervorhebung unterdrückt: Fokuspositionen sind bei Mausnutzung nicht sichtbar (Abwertung bei Prüfschritt 2.4.7a Aktuelle Position des Fokus deutlich)

Ähnliche schwerwiegende Mängel sind auch bei den anderen Prüfschritten denkbar. Ob ein Angebot abgewertet werden sollte oder nicht, ist nicht immer leicht zu entscheiden. Kriterien können sein:

  • Der Mangel tritt nicht nur vereinzelt bzw. auf einzelnen Seiten auf, sondern ist grundlegend
  • Bestimmte Nutzergruppen werden vom Zugang wichtiger Bereiche komplett ausschlossen
  • Bestimmte Nutzergruppen können das Angebot überhaupt nicht bedienen
    Bestimmte Nutzergruppen können wichtige Informationen überhaupt nicht wahrnehmen

Zuletzt geändert am 18.02.2014