Navigation

Darstellung anpassen

Service-Menü

Sprachversionen

Suche



Inhalt

Beschreibung des Prüfverfahrens

Das hier dargestellte Verfahren beschreibt die umfassende und zuverlässige Prüfung der Barrierefreiheit von informationsorientierten Webangeboten. Ergänzt wird das Verfahren durch das Verzeichnis der Prüfschritte und die Werkezugliste.

1. BITV- und WCAG-Test

BIK bietet zwei Testmöglichkeiten: den BITV-Test und den WCAG-Test. Mit dem BITV-Test werden die BITV-Bedingungen der Priorität I, im WCAG-Test die Anforderungen der Konformitätsstufe AA überprüft.

Für beide Tests wird ein gemeinsames Prüfverfahren genutzt, Unterschiede gibt es erst in der Auswertung der Prüfergebnisse. Der Auswertung nach BITV liegt ein Punkteschema zugrunde, einzelne Prüfkriterien sind nach ihrer Relevanz gewichtet. Als Endergebnis liegt ein Punktewert vor, der den Grad der Zugänglichkeit für den gesamten Webauftritt beschreibt.

WCAG-Konformität kann nur erreicht werden, wenn alle Erfolgskriterien bzw. Prüfkriterien erfüllt sind. Entsprechend werden in der Auswertung die einzelnen Prüfkriterien als erfüllt/nicht erfüllt aufgelistet. Grundsätzlich kann nach WCAG Konformität nur für einzelne Webseiten erreicht werden. Das zugrundeliegende Testverfahren ermöglicht darüber hinaus ein Statement zur Barrierefreiheit des gesamten Auftritts.

Warum ist ein gemeinsames Testverfahren möglich?

Die Anforderungen für barrierefreie Webinhalte sind in den WCAG 2.0 als Erfolgskriterien formuliert. Diese Erfolgskriterien sind drei Konformitätsstufen zugeordnet (A, AA und AAA). In der BITV heißen diese Erfolgskriterien BITV-Bedingungen und sind in der „Anlage 1“ der BITV in zwei „Prioritäten“ aufgeteilt. In der Priorität I sind die WCAG-Anforderungen der Konformitätsstufen A und AA enthalten, in der Priorität II finden sich die AAA-Anforderungen wieder. Inhaltlich gibt es kaum Unterschiede, Ausnahme: Die Anforderung 2.4.8 Standort, die in den WCAG auf Konformitätsstufe AAA steht (2.4.8 Location), ist in der BITV 2 in die Priorität I übernommen worden.

Das hier beschriebene Prüfverfahren ist angelehnt an den Leitfaden zur Prüfung von Webauftritten des W3C, die Website Accessibility Conformance Evaluation Methodology (WCAG-EM) 1.0.

2. Technische Voraussetzungen

Die technischen Anforderungen zur Durchführung der Tests sind in der Werkzeugliste definiert.

Um einheitliche technische Prüfvoraussetzungen sicherzustellen, sind das einzusetzende Betriebssystem und die Versionsnummern der zu nutzenden Browser und Prüfprogramme festgelegt. In der Regel werden englischsprachige Programmversionen eingesetzt, Abweichungen sind der Werkzeugliste zu entnehmen.

Es ist zweckmäßig, neue Versionen von Browsern und Prüfprogrammen zu erproben und unterschiedliches Verhalten von Programmversionen zu ermitteln. Dies darf jedoch die Einheitlichkeit der technischen Prüfvoraussetzungen nicht in Frage stellen. Mindestens einer der beiden Prüfer eines Tandems muss den Vorgaben daher ohne Einschränkung folgen.

3. Rahmenbedingungen der Prüfung

Die meisten Anforderungen der WCAG bzw. der BITV können nicht automatisch sichergestellt oder überprüft werden. Basis der Prüfung sind Einschätzungen von Experten. Dieser Abschnitt beschreibt die Rahmenbedingungen der Prüfung und die erforderliche Qualifikation der Prüfer.

3.1. Auswahl von Prüfern

Bei einem abschließenden Test (Tandemprüfung) müssen erster und zweiter Prüfer unterschiedlichen Prüfstellen angehören.

Bei der Auswahl von Prüfern für einen abschließenden Test ist zu berücksichtigen, ob das zu prüfende Angebot zuvor in einem entwicklungsbegleitenden Test geprüft wurde. Ist das der Fall, darf der erste Prüfer des abschließenden Tests nicht identisch mit dem Prüfer des vorgängigen entwicklungsbegleitenden Tests sein.

3.2. Qualifikation der Prüfer

Die Qualifikation der Prüfer ist eine wichtige Bedingung für die richtige Anwendung des BITV/WCAG-Tests. Prüfer sind mit den Grundlagen der HTML-Programmierung und mit geltenden Konzepten des barrierefreien Webdesigns vertraut. Sie kennen das Verfahren des BITV/WCAG-Tests und können die Prüfschritte des Tests sicher anwenden. Der BITV-Prüfverbund hält ein festgelegtes Verfahren zur Qualifizierung von Prüfern vor. Nur bei erfolgreichem Abschluss der Qualifizierung werden Prüfer in den Prüfverbund aufgenommen.

3.3. Abstimmung von Bewertungen

Damit Testergebnisse vergleichbar und wiederholbar sind, müssen die Prüfer ihre Bewertungsspielräume in gleicher Weise nutzen. Die organisatorische Grundlage dafür ist die Tandemprüfung zum Abgleich von Bewertungen. Gleiche Prüfgegenstände werden zwei Prüfern zur Bewertung vorgelegt, Unterschiede der Bewertung werden ermittelt und ausgewertet.

3.4. Vergleich von Bewertungen

Die Ergebnisse und Bewertungen vorangegangener Tests zeigen das Verständnis und die praktische Anwendung der Prüfschritte des BITV/WCAG-Tests. Die Prüfer orientieren sich an diesen Bewertungen. Sie haben hierfür Zugriff auf die im Rahmen von BITV/WCAG-Tests vorgenommenen Bewertungen vorangegangener, abgeschlossener Prüfungen.

3.5. Qualitätssicherung

Für jeden entwicklungsbegleitenden und abschließenden Test wird eine Qualitätssicherung durchgeführt. Die Qualitätssicherung prüft stichprobenartig, ob die Bewertungen im Sinne der Prüfschrittbeschreibungen korrekt sind und der bisherigen Bewertungspraxis entsprechen. Die Qualitätssicherung wird auch bei offenen, im Tandemteam nicht entschiedener Fragen eingebunden. Erfahrene und dafür ausgebildete Prüfer führen die Qualitätssicherung durch.

3.6. Statistische Auswertung

Sämtliche Tests werden statistisch erfasst. Die Auswertung zeigt u.a. die Abweichungen der Prüfergebnisse des einzelnen Prüfers von den qualitätsgesicherten Endergebnissen. Sichtbar wird, bei wie vielen und bei welchen Prüfschritten Abweichungen vorlagen und ob diese geringfügig oder erheblich waren.

Die Statistik hat vor allem den Zweck, Prüfer beim Erkennen und Korrigieren von Fehlern in der Anwendung des Tests zu unterstützen. Sie zeigt individuellen Qualifizierungsbedarf. Es geht aber nicht nur um individuelle Fehler: Abweichungen in der Bewertung zeigen oft auch einen allgemeinen Diskussionsbedarf im Prüferteam, etwa bei der Bewertung von neuen oder schwierig zu prüfenden Techniken.

Die Summe der Abweichungen über eine Reihe von Prüfungen hinweg bietet sich außerdem als quantitativer Anhaltspunkt für den Grad der Qualifikation der prüfenden Person an. Der Wert nützt etwa bei der Einschätzung, ob Prüfer erfahren genug sind, selbstständig entwicklungsbegleitende Tests durchzuführen oder die Qualitätssicherung von Tests vorzunehmen.

4. Definition des Prüfgegenstands

Dieser Abschnitt beschreibt die Festlegung des Prüfgegenstandes. Sie erfolgt in Abstimmung mit dem Auftraggeber. Geklärt wird, welche Seiten und Bereiche grundsätzlich dem zu prüfenden Webangebot zugerechnet werden, also für welche Webseiten das Ergebnis des BITV- bzw. WCAG-Tests gilt. Es muss nachvollziehbar sein, worauf sich ein Prüfsiegel bezieht.

Hinweis: Die Definition des Prüfgegenstandes ist etwas anderes als die Seitenauswahl. Die repräsentative Seitenauswahl (siehe Abschnitt 6) wird für den definierten Prüfgegenstand vorgenommen. Der Auftraggeber kann nur bei der Festlegung des Prüfgegenstandes nicht aber bei der Auswahl der zu prüfenden Seiten mitreden.

4.1. Was gehört zum Prüfgegenstand?

Im Idealfall ist der Prüfgegenstand mit der Angabe der Adresse des zu prüfenden Webauftritts hinreichend klar festgelegt und abgegrenzt: Alle Seiten "unter" der Startadresse gehören dazu, das Erscheinungsbild des Webangebots ist einheitlich, die Sitemap zeigt, was zum Umfang des zu prüfenden Webangebotes gehört.

Oft ist die Abgrenzung des Prüfgegenstandes aber nicht so einfach. Es gibt (möglicherweise mit gutem Grund) Bereiche, die anders aussehen, aber trotzdem zum Prüfgegenstand gehören. Und der umgekehrte Fall: Es gibt Bereiche, die ein Besucher zum Webangebot rechnen würde, die aber nicht mitgeprüft werden sollen.

Grundsätzlich gehören zum Prüfgegenstand:

  • Mobile Ansichten: Viele Webseiten sind heute auf die mobile Nutzung angepasst und bieten ein responsives Design. Die Anforderungen an barrierefreies Design gelten auch für die mobilen Ansichten und werden grundsätzlich mitgeprüft.
  • Teile von Webseiten, die eine andere Webadresse haben, aber trotzdem zum Webauftritt gehören, z.B. ein Online-Shop.
  • Inhalte und Dienste von Drittanbietern
  • Foren, Kommentare von Lesern
  • integrierte Funktionen (etwa Suchfunktionen)
  • PDFs (Broschüren zum Herunterladen, Materialien ...)
  • Daten in anderen Nicht-HTML-Formaten
  • historische, nicht mehr gepflegte Bereiche
  • Bereiche für spezielle Benutzergruppen (zum Beispiel für Kinder)
  • unterschiedliche Sprachversionen
  • Versionen für unterschiedliche Benutzergruppen
  • Multimediale Inhalte wie Online-Videos oder Audiodateien
  • Auch Inhalte, die ursprünglich nicht für die Benutzung im Web vorgesehen waren, sind Bestandteile des Webangebotes. Denn wer Inhalte über das Web verbreitet, soll auch die (neuen) Möglichkeiten dieses Mediums nutzen.

Nicht zum Prüfgegenstand gehören:

Werbung gehört nicht zum Prüfgegenstand, soweit sie deutlich vom redaktionellen Inhalt abgegrenzt ist und die Nutzung der eigentlichen Inhalte nicht beeinträchtigt.

Verlinkte Webseiten anderer Anbieter gehören ebenfalls nicht zum Prüfgegenstand. Vom Anbieter selbst veröffentlichte Fremdinhalte sind dagegen Bestandteile seines Webangebotes. Die "Historie" eines Inhalts ist also nicht entscheidend, sondern es kommt darauf an, wer den Inhalt im Web veröffentlicht hat. Der Anbieter, der zum Beispiel ein PDF-Dokument veröffentlicht, muss für seine Barrierefreiheit gerade stehen.

4.2. Zulässige Abgrenzung des Prüfgegenstandes

Es können auch Teilbereiche von Webangeboten geprüft werden. Aber nicht jede Abgrenzung ist zulässig: Die Abgrenzung muss plausibel und akzeptabel sein. Das bedeutet: Das eigentliche Angebot eines Webauftritts kann normalerweise nicht ausgeklammert werden, das zu prüfende Webangebot muss für sich (also ohne den ausgeklammerten Bereich) sinnvoll nutzbar sein.

Falls nicht das gesamte Webangebot geprüft wird, muss die Abgrenzung des Prüfgegenstandes ausdrücklich festgelegt und dokumentiert werden.

Es muss für den Nutzer leicht nachvollziehbar sein, worauf sich ein Prüfsiegel bezieht und welche Bereiche des Webangebots ausgeklammert wurden.

5. Prüfbarkeit des Webauftritts

Im Zuge der Festlegung des Prüfgegenstandes wird auch geklärt, ob der Webauftritt überhaupt geprüft werden kann. Für die Prüfung mancher, etwa Flash-basierter, Webauftritte ist der BITV-Test als Prüfinstrument nicht geeignet.

5.1. Alternativversionen

BITV und WCAG lassen nur in Ausnahmefällen konforme Alternativversionen beim Einsatz nicht barrierefreier Techniken zu. Grundsätzlich sind Sonderlösungen zu vermeiden, konforme Alternativversionen sind nur für solche Angebote vorgesehen, die sich beim jeweiligen Stand der Technik nicht barrierefrei umsetzen lassen. Oder es muss einen guten Grund geben, um den Einsatz von Alternativversionen zu akzeptieren. Einleuchtende Gründe können etwa sein: Es wird eine neue Technik verwendet, die für viele Nutzer von Vorteil ist, die aber von bestimmten Hilfsmitteln noch nicht unterstützt wird. Oder bestehende Seiten dürfen aus rechtlichen Gründen nicht verändert werden.

Für eine konforme Alternativversion gilt, dass sie die gleichen Informationen und Funktionalitäten bieten muss und genauso aktuell sein muss wie die Originalversion. Alternativversionen sollen durchgängig gut erreichbar sein. Der Standort des Benutzers innerhalb des Angebots und innerhalb angebotener Versionen muss klar sein. Links oder Schaltflächen von der Standardversion zur Alternativversion müssen alle Anforderungen an Barrierefreiheit erfüllen.

Es gibt allerdings Angebote, in denen die Bereitstellung einer konformen und gleichwertigen Alternativversion nicht möglich ist, da HTML die benötigten Funktionen nicht bereitstellt. Der BITV-Test ist dann auf solche Angebote nicht anwendbar, denn er enthält derzeit kein Verfahren zur Prüfung der Zugänglichkeit von Inhalten, die nicht auf der Basis von HTML hergestellt wurden (etwa Flash oder Silverlight).

Die beiden möglichen Konsequenzen:

  • Wenn nicht prüfbare Bereiche für die Benutzung des Webangebotes nicht wesentlich sind, dann kann der Prüfumfang entsprechend eingeschränkt werden. In der Beschreibung des Prüfgegenstandes muss dann vermerkt sein, dass der entsprechende Bereich nicht in die Prüfung eingeschlossen ist.
  • Wenn ein nicht prüfbarer Bereich ein wesentlicher Bestandteil ist, kann das Webangebot nicht geprüft werden.

5.2. Textversionen

Alternative Textversionen sind kein geeignetes Mittel für die Herstellung der Zugänglichkeit von Webauftritten. Webauftritte, die Textversionen sind, die also insgesamt als Alternativen für andere, "normale" Webauftritte gedacht sind und angeboten werden, können daher mit dem BITV-Test nicht geprüft werden.

Dagegen kann der BITV-Test auch auf Webauftritte mit Textversion angewendet werden. Gegenstand der Prüfung sind dann allerdings nicht die Seiten der Textversion, geprüft wird nur die "Normalversion".

Eine nicht notwendige Textversion wird bei der Bewertung der Konformität nicht berücksichtigt.

6. Seitenauswahl

Bei umfangreichen Webangeboten ist die vollständige Prüfung sämtlicher Seiten praktisch ausgeschlossen, sie wäre zu aufwendig. Für die Prüfung werden daher einzelne Seiten, Seitenzustände und Prozesse ausgewählt. Diese Auswahl muss repräsentativ sein: das Ergebnis der Prüfung soll übertragbar sein und somit für den gesamten Webauftritt gelten.

6.1. Analyse des Webauftritts

In einem ersten Schritt wird das Webangebot ausführlich untersucht, um ein grundsätzliches Verständnis für den Zweck, die Bedienung und die Funktionalitäten des Angebots zu erlangen.

Fragestellungen sind hierbei:

  • Welche Seiten sind besonders wichtig für die gesamte Nutzbarkeit des Auftritts, z.B. Eingangsseite, Login-Seiten, Sitemap usw.?
  • Welche Funktionalitäten bietet der Webauftritt? Beispiele sind: Produkte auswählen und kaufen, Anzeigen aufgeben, Formulare ausfüllen und abschicken.
  • Welche unterschiedlichen Seitentypen sind vorhanden? Dies betrifft etwa Layout, Navigation, Formulare, Tabellen, Textseiten, etc.
  • Welche Web Technologien werden genutzt? Z.B. HTML, WAI-ARIA, Java, PDF
  • Welche Prozesse bietet die Website? Welche Seitenzustände gibt es?

6.2. Seitenauswahl durchführen

Nach der Analyse des Webauftritts wird die Seitenauswahl getroffen:

6.2.1. Unabhängige Seitenauswahl

Die Seitenauswahl hat entscheidenden Einfluss auf das Prüfergebnis. In einem abschließenden Test muss sie daher unabhängig sein, das heißt, sie kann vom Auftraggeber der Prüfung nicht vorgegeben oder mitbestimmt werden. Auch darf das Ergebnis des Auswahlverfahrens für Außenstehende nicht vorhersehbar sein.

6.2.2. Anzahl der Seiten

Die Anzahl der auszuwählenden Seiten richtet sich nach der Komplexität des Angebots, also der Anzahl unterschiedlicher Seitentypen. Die Minimalanzahl bei einfachen, kleinen und einheitlich gestalteten Webangeboten sind drei Seiten, bei komplexen Angeboten können es 5, 6 oder mehr Seiten sein. Auf dieser Basis ist eine recht sichere Aussage über die Barrierefreiheit des gesamten Webangebots möglich.

6.2.3. Sämtliche Barrieren erfassen

Die Prüfung soll verschiedenartige Barrieren eines Webangebotes vollständig erfassen. Es geht also nicht darum, durchschnittliche Seiten für die Prüfung auszuwählen, sondern es gilt, versteckte Problembereiche aufzudecken. Andersartige Seiten können ausgewählt werden, auch wenn sie zahlenmäßig nicht ins Gewicht fallen.

6.2.4. Unterschiedliche Seitentypen einbeziehen

Besonders umfangreichere Webauftritte weisen in der Regel verschiedenste Seitentypen auf: Einzelne Seiten oder Bereich unterscheiden sich etwa hinsichtlich Struktur, Layout, Navigation oder beinhalten spezielle Elemente wie Tabellen, Formulare, Date Picker, Pop-up-Fenster usw.

Unterschiedliche Seitentypen gibt es aber auch dann, wenn der Webauftritt nur zum Teil auf ein neues Design umgestellt worden ist, d.h. nicht einheitlich gestaltet ist oder mehrere eigenständige Bereiche zusammenfasst.

Da unterschiedliche Seitentypen oft große Unterschiede in der Unterstützung von Barrierefreiheit aufweisen, müssen in die Seitenauswahl alle Seitentypen einbezogen werden.

6.2.5. Unterschiedliche Seitenzustände einbeziehen

Viele moderne Webangebote erzeugen Seiteninhalte dynamisch - sei es, dass bestimmte Bereiche versteckt und bei Fokussierung oder Auswahl eingeblendet werden, sei es, dass sie über JavaScript nach dem Laden des Ausgangszustands später nachgeladen und angezeigt werden, etwa bei dynamisch erzeugten Fehlermeldungen oder Live-Inhalten.

Die Seitenauswahl beinhaltet also auch die Aufgabe, mit den Seiteninhalten zu interagieren, um zusätzliche Zustände aufzuspüren, festzulegen und miteinzubeziehen. Bei Seiten, die verschiedene Zustände skriptgesteuert anzeigen, sollten zusätzliche repräsentative Zustände festgelegt und mitgeprüft werden. Dies betrifft etwa Einfügungen von zuvor versteckten Bereichen oder die Einblendung zusätzlicher Elemente (etwa als Lightbox).

Bei Webanwendungen, in denen eine Abfolge zusammengehöriger Schritte auf derselben Seite einen Prozess bildet, wird der Prozess schrittweise dargestellt. Wie die zu prüfenden Zustände und Prozesse hervorgerufen werden, wird in der Seitenauswahl beschrieben. Prozesse sollen vollständig einbezogen werden. Die bedeutet nicht, dass gleichartige Seiten, die sich während der Prozessschritte nur unwesentlich ändern, als eigene Seiten in die Seitenauswahl einbezogen werden. Wenn jedoch als Teil des Prozesses neue Inhalte auftauchen, etwa nutzerdefinierte Bedienelemente oder Lightboxen, müssen diese in die Prüfung mit einbezogen werden, um alle potentiellen Barrieren eines Prozesses zu erfassen.

Zusätzlich festgelegte Zustände und Prozesse werden in der Seitenauswahl klar benannt (also durchnummeriert oder beziffert), damit auf sie bezogene Prüfkommentare und Bewertungen klar zugeordnet werden können. Wenn zusätzliche Zustände die Seiteninhalte wesentlich verändern, können sie auch als weitere zu prüfende Seite definiert werden. Wie der Zustand aufgerufen wird, wird dann in der Seitenauswahl beschrieben.

Auch die responsive Ansicht ist ein möglicher weiterer Seitenzustand und wird mitgeprüft. Nach der Auswahl der zu testenden Seiten wird für diese Seiten geprüft, ob eine responsive Ansicht verfügbar ist. Mängel werden bei den entsprechenden Prüfkriterien bewertet.

6.2.6. Stellenwert für die Benutzbarkeit des Webangebotes

Ein weiteres Auswahlkriterium ist der Stellenwert einer Seite für die gesamte Nutzbarkeit des Webangebotes. Seiten, die für die Nutzbarkeit des gesamten Angebotes kritisch sind, sollen auch in der Auswahl gut vertreten sein.

  • Die Startseite wird immer für den Test ausgewählt, denn viele Besucher kommen über die Startseite oder nutzen diese, um zu anderen Bereichen des Angebots zu gelangen. Wenn sie nicht zugänglich ist, hat das gravierende Auswirkungen auf die Zugänglichkeit des gesamten Webauftritts.
  • Dasselbe gilt für vor der eigentlichen Startseite des Webangebotes angeordnete Intro-Seiten.
  • Bei Prozessen die sich über mehrere Seiten erstrecken (Shops, Fahrplanauskunft) sind alle Schritte/Seiten des vorgesehenen Gesamtablaufs kritisch: Wenn der Benutzer die allgemeinen Geschäftsbedingungen nicht lesen oder nicht bestätigen kann, ist der Shop insgesamt unbenutzbar. Dennoch muss nicht jede einzelne Seite eines Prozesses in die Seitenauswahl hineingenommen werden. Bei der Seitenauswahl besteht stattdessen die Aufgabe, vor Beginn der eigentlichen Prüfung kritische Punkte zu identifizieren und die entsprechenden Seiten in die Seitenauswahl mit aufzunehmen. Sie stehen dann stellvertretend für den gesamten Prozess.
6.2.7. Seiten mit unterschiedlichen Funktionen einbeziehen

Das letzte Auswahlkriterium ist die Funktion von Seiten. Denn auch aus der besonderen Funktion ergeben sich unterschiedliche Gestaltungen und unterschiedliche Anforderungen an die Barrierefreiheit. Je nach Typ des Webangebotes kommen in Frage:

  • wiederum die Intro-Seiten, die häufig ohne Zutun des Benutzers Aktionen (zum Beispiel eine automatische Weiterleitung) starten,
  • wiederum die Startseite, die in der Regel eine Vielzahl von unterschiedlichen Informationsangeboten auf einen Blick zeigen soll
  • erschließende Überblicksseiten bei hierarchisch aufgebauten Webangeboten
  • "tiefe" Seiten mit Inhaltsangeboten (Artikel, Abbildungen, Listen, Video- oder Audio-Dateien)
  • Seiten mit längeren, gliederungsbedürftigen Texten
  • Seiten mit interaktiven Elementen (Kontakt, Suche)
6.2.8. Zusammenfassung: Die Kriterien der Seitenauswahl
  1. Die Auswahl soll unabhängig und nicht vorhersehbar sein,
  2. Ziel ist es, sämtliche Barrieren einer Seite zu erfassen,
  3. unterschiedlich Seitentypen,
  4. unterschiedliche Seitenzustände,
  5. für die Benutzbarkeit des gesamten Auftritts relevante Seiten und
  6. Seiten mit unterschiedlichen Funktionen sollen einbezogen werden.

Teilweise überlagern sich die Kriterien, ein einfaches Schema für die richtige Seitenauswahl gibt es leider nicht.

6.3. Identifikation der Seiten

Damit Bewertungen nachvollziehbar sind, muss klar sein, auf welche Seiten des Webangebotes sie sich beziehen. Die für die Prüfung ausgewählten Seiten müssen daher (im originalen Webangebot) zu identifizieren sein. Im Regelfall reicht hierfür die Angabe der URL. Schwieriger ist die "Quellenangabe" bei dynamisch generierten Seitenzuständen oder bei Seiten, die auf der Grundlage von Benutzereingaben erzeugt werden. Das sind zum Beispiel Bestellbestätigungen oder Fehlermeldungen. Bei solchen Ansichten oder Seiten werden die Eingaben, die zur Erzeugung der geprüften Seiten geführt haben, festgehalten und im Prüfbericht dokumentiert. Auch Frame-Seiten können unter Umständen nicht einfach über die Angabe einer URL abgerufen werden, die erforderlichen Benutzereingaben und Auswahlschritte müssen festgehalten werden.

Das Verfahren: Ausgehend von der Startseite werden die Auswahlschritte aufgelistet, die zu der geprüften Seite geführt haben. Beispiel:

  • Auf der Startseite den Reiter "Bücher" auswählen
  • in der mit "Suche nach" bezeichneten Auswahlliste den Listeneintrag "Autoren" auswählen und "starten"
  • den Autor "Chandler" auswählen
  • die Schaltfläche "Einkaufswagen" neben dem Buch "Nevada-Gas" anklicken

Das Gleiche gilt für die Dokumentation der Erzeugung von zusätzlichen Seitenzuständen, die in die Prüfung mit einbezogen werden (vergleiche Abschnitt 5.3. Festlegung von Seitenzuständen).

6.4. Kopien der ausgewählten Seiten

Webangebote werden laufend verändert, die Prüfung ist nur eine Momentaufnahme. Auch erzeugt die Prüfung selbst Änderungsbedarf: In der Prüfung ermittelte Barrieren sollen behoben werden. Prinzipiell würde es deshalb Sinn machen, den Zustand der geprüften Seiten zum Zeitpunkt der Prüfung zu dokumentieren, also Kopien dieser Seiten anzulegen. Da viele Seiten jedoch zunehmend servergenerierte Inhalte anzeigen, die sich in einer Seitenkopie nicht mehr wiederfinden, ist diese Praxis nicht länger sinnvoll. Mit dem BITV-Test bewertete Webangebote können unter testen.bitvtest.de angesehen werden.

7. Prüfung

Dieser Abschnitt beschreibt den Rahmen der eigentlichen Prüfung: In einem entwicklungsbegleitenden Test testet ein Prüfer die Erfüllung der Prüfanforderungen, in einem abschließenden Test bewerten zwei Prüfer parallel die Einhaltung der Anforderungen und gleichen ihre Bewertungen im Anschluss ab.

Grundlage für die Bewertung ist das im Verzeichnis der Prüfschritte festgelegte Verfahren. Die Prüfschritte können unabhängig voneinander bewertet werden, eine feste Reihenfolge für die Bearbeitung der Prüfschritte gibt es nicht.

Das Testverfahren ist so aufgebaut, dass ein Test ohne assistive Technologien grundsätzlich möglich ist. Im Falle von komplexen dynamischen Inhalten, die mit WAI-ARIA angepasst sind, ist der Einbezug eines Screenreaders (siehe Werkzeugliste) sinnvoll.

7.1. Prüfgegenstand (einzelne Seite oder Webauftritt)

Die meisten Prüfschritte beziehen sich auf Merkmale einzelner Seiten. Sie können für einzelne Seiten eines Webauftritts erfüllt sein und für andere nicht. Diese Prüfschritte müssen auf alle für die Prüfung ausgewählten Seiten einzeln angewendet werden.

Beispiel: Auf verschiedenen Seiten eines Webangebotes werden tabellarische Daten angezeigt. Es kann sein, dass diese Daten unterschiedlich ausgezeichnet sind, die Seiten müssen daher einzeln geprüft werden.

Einige Prüfschritte beziehen sich allerdings nicht auf bestimmte Seiten, sondern auf den gesamten Webauftritt. Prüfschritte, die sich auf den Webauftritt als Ganzen beziehen, sind:

Bei diesen Prüfschritten gibt es nur eine Bewertung, die für alle ausgewählten Seiten und für den Webauftritt als Ganzes gilt. Sie werden vorab, im Zuge der Klärung der Prüfbarkeit des Webauftritts (Abschnitt 5) und der Auswahl von Seiten (Abschnitt 6) bearbeitet.

7.2. Anwendbarkeit

Die meisten Prüfschritte sind nur unter bestimmten Voraussetzungen anwendbar. Prüfschritt 3.3.2a Beschriftungen von Formularfeldern vorhanden ist zum Beispiel nur anwendbar, wenn der zu prüfende Webauftritt ein Formular enthält, etwa für die Sucheingabe. Zunächst ist daher zu klären, ob ein Prüfschritt auf die zu prüfende Seite oder auf den Webauftritt anwendbar ist.

Die folgenden Prüfschritte sind stets anwendbar:

Bei allen anderen Prüfschritten ist die Anwendbarkeit individuell festgelegt. Sie ist nach dem im Verzeichnis der Prüfschritte vorgegebenen Verfahren zu ermitteln.

Hinweis: Prüfschritt 3.1.2a Anderssprachige Wörter und Abschnitte ausgezeichnet ist als stets anwendbar definiert, da die Vermeidung anderssprachiger Wörter als Alternative der Erfüllung des Prüfschritts bewertet werden soll.

7.3. Bewertungsalternativen

Für anwendbare Prüfschritte erfolgt anschließend die eigentliche Bewertung des Prüfschritts. Für insgesamt vier Prüfschritte sind nur die beiden Bewertungsalternativen "erfüllt" und "nicht erfüllt" vorgegeben:

Für alle anderen Prüfschritte sind die Bewertungsalternativen "erfüllt", "eher erfüllt", "teilweise erfüllt", "eher nicht erfüllt" und "nicht erfüllt" vorgegeben.

Hinweis zum WCAG-Test: Für die Ergebnisauswertung nach WCAG werden nach Abschluss der Prüfung alle Prüfschritte, die mit „teilweise erfüllt“ oder schlechter bewertet wurden, zu „nicht erfüllt“, alle Prüfschritte, die mit „eher erfüllt“ bewertet wurden zu „erfüllt“ (siehe Abschnitt 9).

7.4. Bewertung

Grundlagen der Bewertung sind:

  1. Der Sinn und Zweck der zu prüfenden Anforderung,
  2. das im Verzeichnis der Prüfschritte festgelegte Prüfverfahren und
  3. die bisherige Bewertungspraxis (siehe Abschnitt 3.4).

Die Ergebnisse der Prüfung sollen für Dritte im Detail nachvollziehbar und nachprüfbar sein. Damit dies möglich ist, werden Bewertungen gegebenenfalls mit Anmerkungen versehen. Insbesondere in zwei Fällen sind solche Anmerkungen erforderlich:

  1. Das Element, um das es bei dem Prüfschritt geht, kommt auf der Seite mehrfach vor. Für einige dieser Elemente ist der Prüfschritt erfüllt, für andere nicht. Aus der Anmerkung geht dann hervor, auf welches Element sich die Bewertung bezieht.
  2. Die Bewertung ist erläuterungsbedürftig. Das Prüfverfahren kann nicht wie vorgesehen angewendet werden, die Seite weist Besonderheiten auf, die im Verfahren nicht berücksichtigt sind.

Hinweis: Der Einsatz neuer Techniken, die nicht mit den BITV/WCAG Test geprüft werden, durch die jedoch die BITV-Anforderungen erfüllt werden, soll sich nicht negativ auf das Ergebnis des Tests auswirken. Sind solche Techniken bekannt, prüfbar und gelten als Barrierefreiheit unterstützend, führt deren Einsatz nicht zu Punktabzug und wird zeitnah in das Prüfverfahren aufgenommen.

8. Auswertung BITV-Test

Auf Basis der einzelnen Bewertungen wird die Gesamtbewertung für einzelne Prüfschritte, für zur Prüfung ausgewählte Seiten und für den Webauftritt als Ganzen automatisch berechnet. Dieser Abschnitt erläutert das Berechnungsverfahren.

8.1. Gesamtbewertung für einzelne Prüfschritte

Prüfschritte, die nicht für den gesamten Auftritt gelten (siehe Abschnitt 7.1.) werden auf allen ausgewählten Seiten durchgeführt. Die Gesamtbewertung eines dieser Prüfschritte errechnet sich damit aus dem rechnerischen Durchschnitt der Bewertung für einzelne Seiten. Deshalb können auch die Prüfschritte, für die nur zwei Bewertungsalternativen vorgesehen sind, im Gesamtergebnis als "eher erfüllt", "teilweise erfüllt" oder "eher nicht erfüllt" bewertet werden.

Bei Prüfschritten, die auf den Webauftritt als Ganzen anzuwenden sind, entfällt dieser Schritt, ebenso bei auf keine Seite anwendbaren Prüfschritten.

Für die Berechnung der Gesamtbewertung eines Prüfschritts werden nur Seiten berücksichtigt, auf die der Prüfschritt anzuwenden war. Die Bewertungen dieser Seiten werden in Prozentwerte übertragen und addiert. Die Summe wird durch die Anzahl der Seiten geteilt, auf die der Prüfschritt anzuwenden war. Aus diesem Ergebnis wird die Bewertung des Prüfschritts ermittelt.

Übertragung der Bewertungen in Prozentwerte:

BewertungProzentwert
erfüllt100 %
eher erfüllt75 %
teilweise erfüllt50 %
eher nicht erfüllt25 %
nicht erfüllt0 %

Ermittlung der Bewertung des Prüfschritts aus dem Durchschnitt der Prozentwerte:

Durchschnitt der ProzentwerteBewertung
100 %erfüllt
62,5 bis < 100 %eher erfüllt
37,5 bis < 62,5 %teilweise erfüllt
12,5 bis < 37,5 %eher nicht erfüllt
darunternicht erfüllt

Beispiel:

  • 5 Seiten wurden geprüft.
  • Auf 2 dieser Seiten war der Prüfschritt nicht anwendbar.
  • Auf 2 Seiten wurde er als eher nicht erfüllt bewertet.
  • Auf einer Seite wurde er als nicht erfüllt bewertet.

Für die Gesamtbewertung werden nur die drei Seiten berücksichtigt, auf die der Prüfschritt anwendbar war. Die Summe der Prozentwerte beträgt also 2 * 25% + 1 * 0 % = 50%. Der durchschnittliche Prozentwert beträgt 50% geteilt durch 3 = 16,6%. Dieser Prozentwert liegt im Bereich 12,5 bis unter 37,5 %. Der Prüfschritt wird also insgesamt als "eher nicht erfüllt" bewertet.

Hinweise: Das Gesamtergebnis "erfüllt" kann nicht durch Aufrundung erreicht werden. Ein Prüfschritt wird nur dann als insgesamt erfüllt bewertet, wenn er für alle geprüften Seiten erfüllt (oder nicht anwendbar) ist.

In die Gesamtbewertung von Prüfschritten werden nur Seiten einbezogen, auf die der Prüfschritt auch anwendbar ist. Denn die Prüfung soll nicht die durchschnittliche Barrierefreiheit der Seiten eines Webauftritts ermitteln, sondern klären, ob bestimmte Arten von Barrieren in einem Webauftritt vorhanden sind oder nicht. Zur Verdeutlichung des Unterschiedes: Wenn es darum ginge, die durchschnittliche Barrierefreiheit eines Webangebots zu ermitteln, dann könnte die mangelhafte Ausführung einer Datentabelle dadurch relativiert werden, dass andere Seiten keine Datentabellen aufweisen. Je seltener das mangelhaft ausgeführte Element vorkäme, desto besser wäre die Bewertung des Webangebotes.

8.1.1. Gewichtung der Prüfschritte

Alle Prüfschritte sind gewichtet. Entsprechend ihrem Gewicht tragen die einzelnen Prüfschritte zum Gesamtergebnis bei. Es gibt Prüfschritte mit hohem, mittlerem und niedrigen Gewicht.

  • Insgesamt 16 Prüfschritte sind hoch gewichtet. Diese Prüfschritte können jeweils maximal drei Punkte zum Gesamtergebnis beitragen.
  • Insgesamt 19 Prüfschritte haben eine mittlere Gewichtung. Diese Prüfschritte können jeweils maximal zwei Punkte zum Gesamtergebnis beitragen.
  • Insgesamt 14 Prüfschritte sind niedrig gewichtet. Diese Prüfschritte können jeweils maximal einen Punkt zum Gesamtergebnis beitragen.

Gesichtspunkte der Gewichtung:

  • Die Relevanz der Anforderungen,
  • die angemessene Berücksichtigung der Anforderungen unterschiedlicher Zielgruppen,
  • die ausgewogene Berücksichtigung von Standardkonformität und praktischer Nutzbarkeit und
  • die Verantwortlichkeit (Anforderungen, die an sich von Autorensystemen oder Benutzeragenten erfüllt werden sollten, sind in der Tendenz geringer gewichtet).

Hinweis: Für die Gewichtung nicht relevant ist die Häufigkeit des Vorkommens bestimmter Barrieren. Ebenfalls nicht relevant ist die leichte Behebbarkeit von Barrieren.

8.1.2 Punktewert eines Prüfschritts

Der tatsächlich erzielt Punktewert eines Prüfschritts hängt von der Gewichtung des Prüfschritts ab.

  • nicht erfüllt = 0% des maximal erreichbaren Punktwertes
  • eher nicht erfüllt = 25% des maximal erreichbaren Punktwertes
  • teilweise erfüllt = 50% des maximal erreichbaren Punktwertes
  • eher erfüllt = 75% des maximal erreichbaren Punktwertes
  • erfüllt = 100% des maximal erreichbaren Punktwertes

Beispiel: Ein Prüfschritt ist mit 3 Punkten gewichtet. Er wurde mit „teilweise erfüllt“ bewertet, damit sind 50% des Maximalwertes von 3 Punkten erreicht. Somit wird der Prüfschritt mit 1,5 Punkten bewertet.

8.2. Gesamtbewertung des Auftritts

Für die Gesamtbewertung werden die gewichteten Bewertungen der 49 Prüfschritte addiert. Nicht anwendbare Prüfschritte werden als erfüllt gerechnet. Maximal können 100 Punkte erreicht werden. 100 Punkte werden erreicht, wenn sämtliche Prüfschritte erfüllt oder nicht anwendbar sind.

Ermittlung der Gesamtbewertung aus der Summe der Punktwerte:

Verhältnis zwischen Punkten und Bewertungen:

PunkteBewertung
95sehr gut zugänglich
90gut zugänglich
80eingeschränkt zugänglich
darunterschlecht zugänglich

Hinweis: Nicht anwendbare Prüfschritte werden bei der Ermittlung des Gesamtergebnisses für das Webangebot wie erfüllte Prüfschritte gerechnet. Denn der Gegenstand der Prüfung ist nicht die besondere Schwierigkeit der Erstellung eines barrierefreien Webangebotes. Ein einfaches, überwiegend textbasiertes Webangebot kann die Anforderungen des Tests vergleichsweise leicht erfüllen. Denn viele Anforderungen sind nicht anwendbar.

8.2.1. Abwertung

Webauftritte, die für in der BITV bedachte Zielgruppen überhaupt nicht nutzbar sind, sollen im BITV-Test insgesamt kein gutes Ergebnis haben. Daher ist generell die Möglichkeit der Abwertung des gesamten Angebots vorgesehen.

Schon ein einziger Prüfschritt kann (bei erheblichen Konsequenzen für die Nutzbarkeit des Webangebotes) zur Abwertung des Gesamtergebnisses führen. Abwertungen können daher mit sehr guten Ergebnissen nach Punkten einhergehen.

Bei allen Prüfschritten kann das Gesamtergebnis auf "eingeschränkt zugänglich", "schlecht zugänglich" oder auf "nicht zugänglich" abgewertet werden. Voraussetzung ist sowohl ein "nicht erfüllt" für den betreffenden Prüfschritt als auch die Einschätzung, dass die Nichterfüllung des Prüfschritts schwerwiegend ist.

Die Abwertung wird unabhängig vom Punktstand vorgenommen. Es können also Angebote zusätzlich abgewertet werden, die ohnehin nach Punktergebnis als "schlecht zugänglich" eingestuft werden, ebenso aber auch Angebote, die nach Punktergebnis als "gut zugänglich" oder sogar "sehr gut zugänglich" bewertet werden würden, aber einen bestimmten schwerwiegenden Mangel aufweisen.

Kandidaten für eine Abwertung des gesamten Angebots wären etwa:

Ähnliche schwerwiegende Mängel sind auch bei den anderen Prüfschritten denkbar. Ob ein Angebot abgewertet werden sollte oder nicht, ist nicht immer leicht zu entscheiden. Kriterien können sein:

  • Der Mangel tritt nicht nur vereinzelt bzw. auf einzelnen Seiten auf, sondern ist grundlegend
  • Bestimmte Nutzergruppen werden vom Zugang wichtiger Bereiche komplett ausschlossen
  • Bestimmte Nutzergruppen können das Angebot überhaupt nicht bedienen
  • Bestimmte Nutzergruppen können wichtige Informationen überhaupt nicht wahrnehmen

8.3. Bewertung für einzelne Seiten

Um gegebenenfalls Unterschiede der Barrierefreiheit einzelner Seiten deutlich zu machen, werden auch Gesamtbewertungen der einzelnen für die Prüfung ausgewählten Seiten berechnet (und im Prüfbericht aufgelistet).

Hierfür werden die gewichteten Bewertungen der 49 Prüfschritte addiert.

Das Verfahren entspricht der Berechnung der Gesamtbewertung des Webauftrittes. Der Unterschied: nicht die Gesamtbewertungen der 49 Prüfschritte, sondern die Bewertungen für die jeweilige einzelne Seite werden addiert.

Die Bewertungen von Prüfschritten, die auf den Webauftritt als Ganzen anzuwenden sind (siehe Abschnitt 7.1), gelten für alle Seiten. Sie werden daher zu den Bewertungen der Seite dazu gerechnet. Wie für das Webangebot als Ganzes kann also auch für jede einzelne geprüfte Seite ein Gesamtergebnis von maximal 100 Punkten erreicht werden. Einzelne Seiten, deren Prüfung zur Abwertung geführt hat, sind als eingeschränkt oder schlecht zugänglich zu bewerten.

Hinweis: Die Gesamtbewertung eines Webauftrittes basiert wie die Bewertung einzelner Seiten auf den Bewertungen der einzelnen Prüfschritte. Prüfschritte sind häufig nur für einen Teil der Seiten eines Webauftrittes anwendbar. Mängel verschiedener Seiten addieren sich dann im Gesamtergebnis. Die Gesamtbewertung des Webauftrittes fällt daher häufig deutlich schlechter aus als die durchschnittliche Bewertung der einzelnen geprüften Seiten.

Siehe hierzu auch die Antwort auf die Frage: Kann das Gesamtergebnis schlechter sein, als das Ergebnis der einzelnen Seiten?

8.4. Konformität gemäß BITV

Die Prüfschritte des BITV-Tests basieren auf den Anforderungen der Barrierefreien Informationstechnik Verordnung. Bei einem Punkteergebnis von 90 Punkten ist das Webangebot gemäß BITV-Test-Prüfverfahren gut zugänglich. Ein Ergebnis von 95 Punkten steht für sehr gut zugänglich. In beiden Fällen kann das entsprechende BIK-Prüfsiegel im Webangebot eingebunden werden).

9. Auswertung WCAG-Test

In den Web Content Accessibility Guidelines (WCAG 2.0) ist Konformität für eine der Konformitätsstufen (A, AA, AAA) nur dann gegeben, wenn eine Seite alle Erfolgskriterien erfüllt.

9.1. Ergebnis für einzelne Erfolgskriterien

Im Test sind den Erfolgskriterien ein oder mehrere Prüfschritte zugeordnet. Eine Punktebewertung und eine Gewichtung einzelner Prüfkriterien wie beim BITV-Test sind nicht vorgesehen. In der Ergebnisdarstellung wird nur die Unterscheidung Erfolgskriterium "erfüllt" oder "nicht erfüllt" gegeben.

Bei der Auswertung nach WCAG werden die im Testtool verfügbaren differenzierten Bewertungen entsprechend generiert:

  • alle Prüfkriterien, die mit "teilweise erfüllt" oder schlechter bewertet wurden, werden zu: "nicht erfüllt",
  • alle Prüfkriterien, die mit "eher erfüllt" bewertet wurden, werden zu "erfüllt".

Ist es legitim, Prüfkriterien von "eher erfüllt" auf "erfüllt" zu setzen?

In der WCAG ist nur die Unterscheidung Erfolgskriterium erfüllt/nicht erfüllt vorgesehen. Für viele Prüfkriterien ist diese Bewertung aber nicht immer klar und eindeutig zu vergeben, es gibt einen Interpretationsspielraum. Ein Beispiel: Eine Grafik ist zwar mit einem Alternativtext versehen, der Alternativtext beschreibt das Bild aber nicht optimal. Im BITV-Test würde die Bewertung "eher erfüllt" vergeben werden. Die Auswertung nach WCAG verlangt aber eine eindeutige Antwort. Nun muss sich der Prüfende entscheiden, ob das Erfolgskriterium trotz kleiner Mängel erfüllt ist oder nicht. Setzt er das Erfolgskriterium auf "nicht erfüllt", ist Konformität für die ganze Seite nicht mehr möglich.

Grundsätzlich ist ein Test nur sinnvoll, wenn es auch die Möglichkeit gibt, den Test zu bestehen. Die Konformität nach WCAG soll zumindest für einzelne Webseiten ein erreichbares Ziel sein, aus diesem Grund erscheint es legitim und sinnvoll, kleine, wenig relevante Mängel zwar anzumerken und zu beschreiben, aber nicht als Knock-out Kriterium zu bewerten.

9.2. Konformität für einzelne Seiten

Konformität kann gemäß WCAG nur für einzelne Seiten definiert werden.<br/>Damit für eine Seite die Konformität bestätigt werden kann, müssen folgende Voraussetzungen erfüllt sein:

  1. Aussagen zur Barrierefreiheit gelten für eine der drei Konformitätsstufen A, AA, AAA. Sämtliche Erfolgskriterien einer Stufe müssen erfüllt sein.
  2. Die Seite wurde vollständig getestet, d.h. alle anwendbaren Prüfschritte wurden auf die gesamte zu testende Seite bezogen.
  3. Bei Seiten, die Teil eines Prozesses sind, wurde der gesamte Prozess geprüft und als konform bewertet.
  4. Auf der betreffenden Seite werden ausschließliche Techniken benutzt, die die Barrierefreiheit unterstützen, d.h. von assistiven Technologien und User Agents erkannt und unterstützt werden.
  5. Unter Umständen dürfen Alternativversionen für nicht barrierefreie Techniken genutzt werden. Folgende Techniken sind jedoch immer störend und können nicht durch eine alternative Technik kompensiert werden:
  • Audio wird automatisch abgespielt
  • Tastaturfalle
  • sich bewegende Elemente können nicht angehalten, beendet oder ausgeblendet werden
  • stark blinkende oder flackernde Elemente

Das Testinstrument und die vorliegende Beschreibung des Prüfverfahrens unterstützen die Einhaltung der von der WCAG geforderten Voraussetzungen.

10. Prüfbericht

Der Prüfbericht enthält alle Ergebnisse des Tests, nach geprüften Seiten und nach Prüfschritten geordnet. So kann der Betreiber des Webauftritts leicht sehen, wo Verbesserungen erforderlich sind. Aber auch für Fachleute oder für Benutzer sind die Ergebnisse und ihr Zustandekommen nachvollziehbar.

Die Nachvollziehbarkeit der Prüfergebnisse ist auch ein wichtiges Mittel, um die Qualität von Prüfungen sicherzustellen. Fragwürdige Bewertungen können aufgedeckt und korrigiert werden.

10.1. Inhalte des Prüfberichts

Der Prüfbericht wird auf Basis der Ergebnisse des Tests automatisch generiert. Kern des Berichts sind die Ergebnisse der einzelnen Prüfschritte. Zu jedem Prüfschritt wird angegeben, welche Seiten wie bewertet worden sind, die Kommentare zu den einzelnen Bewertungen werden ebenfalls ausgegeben.

Bestandteile des Prüfberichts sind:

  • Datum oder Zeitraum der Prüfung
  • Name des Prüfers und der Prüfstelle
  • Angaben zur Bestimmung des Prüfgegenstandes (Startadresse, von der Prüfung ausgenommene Bereiche oder Elemente des Webangebotes)
  • Auflistung der geprüften Seiten, Angaben zu mitgeprüften Seitenzuständen, gegebenenfalls Erläuterungen zur Auswahl und zur Identifikation der ausgewählten Seiten

Außerdem für den BITV-Test:

  • Gesamtergebnis der Prüfung (Punkte und Bewertung)
  • Ergebnisse für einzelne geprüfte Seiten (Punkte und Bewertung)
  • Ergebnisse für einzelne Prüfschritte (Gesamtbewertung des Prüfschrittes, gegebenenfalls davon abweichende Bewertungen des Prüfschrittes für einzelne Seiten, Anmerkungen des Prüfers zum Prüfschritt und zur Bewertung einzelner Seiten)
  • Verweis auf die Beschreibung des Prüfverfahrens

Für den WCAG-Test:

  • Ergebnisse für einzelne Seiten (konform / nicht konform)
  • Ergebnis für die einzelnen Erfolgskriterien für jede Seite (konform / nicht konform), ggf. mit Anmerkungen des Prüfers

11. Veröffentlichung von Prüfergebnissen

Prüfberichte können veröffentlicht werden. Eine Veröffentlichung darf nur vollständig erfolgen, allen Angaben des Prüfberichts müssen eingeschlossen werden.

Bestandteil des Gesamtergebnisses ist die hinreichend klare Angabe des Prüfgegenstandes. Wenn das Webangebot nur teilweise geprüft worden ist, wenn also zum Beispiel bestimmte Bereiche von der Prüfung ausgenommen worden sind, dann muss das angegeben werden. Dort, wo (zum Beispiel mit einem Prüfzeichen) über das Prüfergebnis informiert wird, steht dann zum Beispiel:

  • Nicht in die Prüfung eingeschlossen war die Barrierefreiheit der PDF-Dokumente
  • Nicht in die Prüfung eingeschlossen war der Bereich "Materialien"

11.1. Verwendung des BITV-Test Prüfsiegels

Lautet das Ergebnis eines abschließenden BITV-Test "sehr gut zugänglich" oder "gut zugänglich", dann kann das BIK-Prüfzeichen auf dem geprüften Webangebot eingebunden werden. Das Prüfzeichen verweist auf den BITV-Test-Prüfbericht.

Je nach Ergebnis des abschließenden Tests stehen zwei Varianten zur Verfügung:

  1. Das BIK-Prüfzeichen "90plus" kann verwendet werden, wenn das Webangebot 90 oder mehr Punkte erreicht hat und als "gut zuänglich" bewertet worden ist.
  2. Das BIK-Prüfzeichen "95plus" kann verwendet werden, wenn das Webangebot 95 oder mehr Punkte erreicht hat und als "sehr gut zuänglich" bewertet worden ist.

Der Webanbieter befolgt dabei die Regeln für die Einbindung des BIK-Prüfzeichens.

Das Prüfsiegel hat keine begrenzte Gültigkeit. Aufgrund des dokumentierten Prüfdatums im verlinkten Prüfbericht wird deutlich, wann das Webangebot geprüft wurde. Je aktueller das Datum, desto größer ist die Aussagekraft des Prüfergebnisses und umgekehrt.

11.2. Konformitätserklärung nach WCAG

Das hier beschriebene Prüfverfahren ist an die Website Accessibility Conformance Evaluation Methodology (WCAG-EM) 1.0 angelehnt. Aus diesem Grund ist es möglich, neben der Beurteilung einzelner Seiten, Rückschlüsse auf die Zugänglichkeit des gesamten Prüfgegenstand (gesamter Webauftritt bzw. Teilbereiche) zu ziehen und eine entsprechende Erklärung abzugeben.

Der Webanbieter befolgt dabei die Regeln für die Einbindung einer Konformitätserklärung nach WCAG.